Anstatt das „Spannendste“ auszusuchen, habe ich beschlossen, von jedem Jahr ein paar Ausschnitte zu nehmen – vom Geburtstag, oder von der Zeit um den Geburtstag.
1973: In September 1973 war ich 11 Jahre alt.
23. August: Heute nach Buffalo gefahren und Onkel Bob besucht. Danach haben wir am Campingplatz übernachtet. Ich habe ein nettes Mädchen kennen gelernt. Ich hätte sie so gerne als Schwester! So würde ich mir eine Schwester vorstellen!
25. August: Heute waren wir auf dem Jahrmarkt. Ich habe vier Dollar verspielt! Ich machte zwei supertolle Fahrten!
26. August: Der Jahrmarkt endet heute! Ich war dort und sah Don McClean & Pete Seeger. Wow! Ich machte zwei Fahrten mit der Achterbahn! Daddy schaute mir zu.
1. September: Heute musste ich Laub rechen und Rasenmähen.
3. September: Max und ich haben weitere Gartenarbeiten gemacht. Ich bekam 50 Cent.
Ich war das mittlere Kind und die einzige Tochter, eine Rolle die ich genoss. Ich war das perfekte Kind: gut in der Schule, ziemlich brav zuhause, und recht pflegeleicht. Ich verbrachte viel Zeit in meinem Zimmer. Ich spielte mit den Puppen, hatte eine Puppenhaussammlung, und ganz viele Bücher. Alle paar Monate durften wir Bücher in der Schule bestellen. Ich bestellte jedes Mal fünf bis zehn Bücher (so viele wie die Mama erlaubte) und am Abend nach der Lieferung las ich mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke. Am nächsten Tag fragten die Mitschüler immer: „Na, wie viele Bücher hast du gestern gelesen?“
Doch war ich nicht immer allein. Ich traf mich gerne mit Freundinnen und machte ab und zu Pyjama Partys. Da machten wir Popcorn und sahen gemeinsam unsere Lieblingsserie an („The Partridge Family“ mit David Cassidy, in den ich verknallt war. Meine Wand war voll mit Posters von ihm!). Danach wurde gespielt und erzählt, bis wir einschliefen. Den Geburtstag feierte ich immer mit einer größeren Runde.
Der Papa hatte ein eigenes Geschäft: Apotheke und Drogerie mit einer kleinen Cafeteria. Sonntags durfte ich aushelfen und Kaffee einschenken. Im Sommer gab es immer ein Flohmarkt auf der Hauptstraße. Da hatte jedes Geschäft einen Tisch aufgestellt, um die alten Sachen günstig los zu werden. Natürlich half ich mit als Verkäuferin. Ich war sehr tüchtig und konnte ausgezeichnet rechnen und mit Geld umgehen.
Die Eltern hatten Eheprobleme, also gingen wir in eine Familienberatung. Das hat mich nicht sonderlich beunruhigt. Nur wenn sie nachts im Esszimmer laute Streitereien hatten, bekam ich Angst. Mein Zimmer war nämlich auf der anderen Seite und ich bekam alles mit. Dennoch schenkte ich dem Streit nicht zu viel Bedeutung. Kinder haben die Gabe, alles was passiert als „normal“ einzustufen. Für mich schien alles halbwegs in Ordnung zu sein. Ich war normal. Das Essen war normal. Nebenbei bekam ich mit, dass meine Mama immer ein paar Kilos abnehmen wollte. Die Mama war groß (ca. 182 cm) und schlank.
Ein kleines Problem gab es erst, als ich das größte Mädchen im 4. Klassenzug (120 Kinder) war – und nur zwei Buben waren noch größer. Die Kinder wurden in der Schule jedes Jahr gemessen und abgewogen. Da ich einige Zentimeter größer als die meisten anderen Kinder war, wog ich dementsprechend mehr. Aber die 10 Pfund mehr (4-5 Kilo), zusammen mit der Tatsache, dass ich nicht süß und blond war, haben eindeutig den Samen der Unzufriedenheit gesät. Gerade in der Pubertät, wo das Selbstbild so verletzlich ist, kann das bitter sein. Ich war groß und schlank und wurde trotzdem wegen dem Gewicht gehänselt!**********************************
1976
5. August: Ich war in jener Nacht ziemlich aufgewühlt, als ich das geschrieben habe. Ich will es gar nicht lesen; es klingt so blöd (die letzten paar Zeilen). Ich habe es Mom lesen lassen. Und natürlich hat sie mir zurückgeschrieben. Ich habe nicht damit gerechnet, aber ich hätte es eigentlich wissen müssen. Es geht so:
“Sonntag, 1. August
Liebe Celia,
Es sind jetzt harte Zeiten für uns als Gruppe und für jeden einzelnen. Aber wir sind bestrebt zu wachsen, die Situation zu bewältigen, und das ist gut. Obwohl ich vieles nicht verstehe, verstehe ich mehr als früher. Ohne zu analysieren oder einen Vortrag zu halten, sagen wir, ich kann deine Gefühle annehmen, auch wenn ich sie nicht vollständig verstehe. Es ist ganz normal, deine Mutter zu hassen, wütend zu sein und den Menschen, auf den wir wütend sind, verletzen zu wollen. Obwohl du durcheinander bist, nachdem ich dir vorher zugehört habe und jetzt über deine Gefühle nachlese, du klingst eigentlich sehr reif. Du bist dabei, die Dinge zu verarbeiten. So, ich werde mir keine Sorgen machen. Ich werde dir und deiner Einschätzung einfach vertrauen und dich lieben.
Ich werde mich auch bemühen, dich nicht mit Küssen oder Umarmungen zu nerven, und auch nicht mehr vor anderen Leuten über dich reden. Ich bin dankbar für deine Beobachtungen und Bemerkungen, und wenn manche Äußerungen mich verletzen, ist das mein Problem und nicht deines. Du kannst nur deine Gefühle zum Ausdruck bringen; wenn ich erwachsen genug bin, sie anzunehmen und zu verstehen, ist es gut so. Wenn nicht, versuche es bitte wieder. Wenn ich verletzt bin, ein schlechtes Gewissen oder sonstige neurotische Gefühle habe, muss ich damit fertig werden. Deine erste Verantwortung gilt dir selbst und deinen Gefühlen.
Love,
Mom
Alles hat einen bestimmten Zweck und
jedes Vornehmen unter dem Himmel hat seine Zeit:
Eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen,
eine Zeit zum Trauern und eine Zeit zum Tanzen;
eine Zeit zu bekommen und eine Zeit zu verlieren;
eine Zeit zu behalten und eine Zeit Dinge wegzuwerfen;
eine Zeit zu lieben und eine Zeit zu hassen;
eine Zeit des Krieges und eine Zeit des Friedens.
Koh 3:1-9“
Ist das nicht einfach typisch? Ich hätte wissen müssen, dass sie mir einen Brief schreiben wird, dass sie perfekt reagiert. Genug davon! Ich habe heute den ganzen Tag gefastet. Ich habe nur eine Schüssel Joghurt und eine Scheibe Schinken gegessen. Nicht schlecht, zumindest was mich betrifft.
Da hatte ich schon kein Gefühl mehr für normales Essen. Ich spürte keine Bedürfnisse. Wichtig war nur, möglichst wenig zu essen – am besten gar nichts. Meine übrige Existenz sah auch recht mager aus. Ich hatte Angst, das Haus zu verlieren. Ab und zu kamen potentielle Käufer vorbei, um das Haus zu besichtigen. Wir räumten nicht auf und hingen viel Wäsche auf die Leine, um den Blick hinunter zum See zu verstecken. Das war schlimm: Leute kamen und hatten die Macht, unser Haus wegzunehmen, indem sie es kauften. Es kaufte schlussendlich keiner, aber die Angst und Bedrohung machten mich fertig. Ich war allein.
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1977
25. Juli: Ich komme mir so alt vor. Oft wünsche ich mir, dass ich wie jede andere sorglose fast 15-Jährige sein könnte. Manchmal geht es mir so – ich bin glücklich und zufrieden. Es wäre schön, wenn ich nicht so viel analysieren und nachdenken müsste. Es ist nicht wirklich schlimm; es ist gut, nachzudenken. Aber ich wünschte, ich könnte die Dinge so annehmen wie sie kommen, ohne immer nach dem tieferen Sinn zu suchen. Natürlich, wenn ich so täte, wäre ich nicht ich. Das ist mir klar. Aber ich bin sicherlich nicht der einzige Mensch auf der Welt, der gerne eine andere Persönlichkeit hätte. Ich mag Doug, aber ich glaube das Wichtigste ist, das er mir zuhört. Ich fantasiere und bilde mir ein, dass er mich auch sehr mag – was ich dann versuche zu glauben. Oh! Erinnere mich daran dir das nächste Mal vom Telefonat mit meinem Vater zu erzählen. Du wirst überrascht und stolz auf mich sein. Tschüß!
3. August: Ich habe jetzt andere Dinge im Kopf, also fasse ich das über meinen Vater kurz zusammen. Ich rief ihn an und sagte, dass ich ihn nicht sehen will. Ich erklärte (mit einigen Tränen), dass ich es nicht genießen kann, weil ich zu wütend bin. Er bemerkte: „Wie ich sehe, hat deine Mutter dich beeinflusst.“ Ich erklärte, dass es meine Entscheidung war, und dass sie nichts damit zu tun hatte. Er wurde wütend und – endlich – sagte er die Wahrheit: „Es ist mir egal wenn ihr jetzt gleich das Haus verliert!“ Ich konterte: „Es war dir von Anfang an egal!“ und legte auf. Das ist alles. Es ist wirklich traurig, darauf stolz zu sein. Die ganze Situation ist bedauernswert.
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1978
16. September: Ich höre jetzt Patti Smith’s Easter ganz laut auf der neuen Stereoanlage. Es ist fantastisch! Ich liebe sie! Sie ist großartig. Ich würde alles geben, wenn ich sie live sehen könnte.
Ich nehme wirklich ab. In den nächsten Tagen werde ich höchstens ein paar Äpfel essen. Ich werde dünn sein. Ich will dünn und schwach sein, aber doch stark. Und ich werde ein Jahr früher den Schulabschluss machen. Tja. Das war der letzte Sommer, das ist jetzt der letzte September meines Lebens der irgendwas mit dieser blöden High School zu tun hat. Dann gehe ich wahrscheinlich aufs College. Ich will Spaß haben.
18. September: Heute bin ich 16 Jahre alt.
26. September: Ab jetzt will ich die Hausübung gleich machen und immer mitarbeiten. Es ist wirklich mühsam und stressig, kurzfristig so viel zu lernen. Ich will lieber rechtzeitig lernen und gut vorbereitet sein. Die letzte Biologieprüfung ist total daneben gegangen. Wenn ich mich bemühe, habe ich wieder einen Notendurchschnitt von 1,5. Ich bin zwar gegen Noten, aber ich werde durchhalten, damit ich aufs College gehen kann.
17. Oktober: Ich weiß, warum ich kotze. Ich konnte nie weinen, und weinen – wirklich weinen – verursacht mir Bauchweh. Wenn ich Essen in mich hineinstopfe, habe ich auch Bauchweh. Wenn ich kotze, ist das Gefühl der Leere dem Gefühl nach dem Weinen sehr ähnlich. Ich habe nie Trauer gezeigt, nachdem Dad gegangen ist. Eigentlich weine ich ihm jeden Tag nach; ich trauere seit 3 Jahren um ihn. Er fehlt mir so sehr und deshalb habe ich mich vom Leben zurückgezogen – mit 16 statt 65 – und dadurch wurde ich eine langweilige, leblose, unsensible Person.
Ich bin gestorben. Ich bin tot. Ich weine aus Protest, weil das Leben mich nicht fair behandelt hat, weil ich still sein sollte. „Oh, mache dir keine Sorgen um mich, mir geht es gut“ – als hätte ich mich und alle anderen vor den akuten Schmerzen geschützt – vor der Niedergeschlagenheit und der Ablehnung – mein Daddy ist weg. Kein Daddy mehr. Keine Celia mehr. Celia war Daddys Mädchen. Nicht mehr. Kein Daddy, keine Celia. Alles weg.
Aber weil es mit ihm nicht geht, mache ich das Essen zum Problem und glaube, wenn ich das Problem löse, ist alles besser. Aber weil ich weiß, dass es nicht stimmt, bin ich noch krank.
Mir fehlen unsere Weihnachten, die glücklichen Zeiten, die Hunde, die Welpen und Kätzchen im Sommer. Das Essen hat eine massive Wandlung erlebt – zur Reformkost. Das hat Daddy nicht gefallen. So, ich halte zu ihm und lehne ihre gute Nahrung ab. Das will ich ihr sagen, aber sie stellt zu viele Fragen. Sie gibt sich Mühe, realistisch zu sein. Ich aber, bin eine Träumerin. Ich will ihre Realität, Verantwortung und Bewältigung nicht. Daddy wollte es auch nicht. Warum sollte ich? Ich will verlieren, denn Daddy meinte, er ist auch ein Verlierer. Doch glauben wir beide doch ein Bisschen an uns selbst, an unsere Seele, die für uns kämpft, sich um uns kümmert. Ich bin verbittert und kenne die böse Welt. Mit 16 schon so weise. Erwachsen. Scheiße. Ich will nicht erwachsen sein. Oops! Ich muss 25 Cent in die Schimpfwortbüchse geben, weil ich “Scheiße” sagte!
Sie ist nie zufrieden. Ich meine, du. Ich rede mit dir, Mutter. Weißt du? Ich hoffe es tut dir richtig weh, ganz tief. Versuch mal, dich leer zu kotzen. Zuerst fressen. Okay, so geht das: Friss 2 Schüssel voll Haferbrei, und noch etwas Müsli mit heißer Milch (schmeckt ausgezeichnet), und dazwischen einige Karotten. Dann noch ein paar Sandwichs – Thunfisch geht gut. Dabei musst du viel Wasser trinken. Es hilft. Zusätzlich muss es dir ganz bewusst sein, WAS du tust – wie viel du verschwendest. Du sollst Gewissensbisse haben, obwohl du nicht weißt, warum du es tust. Dann iss noch einige Äpfel und Erdnüsse – die Erdnüsse ganz gut kauen (die Klumpen fühlen sich beim Kotzen gut an). Dann noch etwas Käse und mehr Karotten – diese helfen mit der Konsistenz.
Dann bleibst du einfach 5 bis 10 Minuten sitzen bis es sich setzt. Versuche deinen Bauch einzuziehen. Jetzt sollte es schon richtig weh tun, ein richtig stechender Schmerz, als ob du wirklich platzen wirst. Wenn du dieses Gefühl noch nicht hast, iss noch etwas Joghurt. Dann kommt der Höhepunkt: geh ins Bad, steck dir 2 Finger ganz tief in deinen Hals hinein, und kotze bis du nicht mehr kannst. Mit etwas Übung, kannst du deine Bauchmuskeln so trainieren, dass du nur ein paar Muskeln zusammenziehen musst, und es kommt von allein raus. Aber, du bist ja nur eine Anfängerin, also musst du die Finger reinstecken.
Mache so weiter, bis du fertig bist. Nach Bedarf kannst du gegen Ende etwas Wasser trinken, um den Rest leichter hinauszubefördern. Dann musst du den Dreck wegputzen, was von der Kotze herumgespritzt ist. Wasche dir Gesicht und Hände – sie werden ja furchtbar schleimig sein. Öffne das Fenster damit der Gestank weg geht. Anschließend wirst du grausames Kopfweh haben, dir wird schwindlig, vielleicht siehst du schwarz vor den Augen, und dein Gesicht wird ganz rot gefleckt sein. Erstaunlich – genau so, als hättest du geweint! Das mache ich schon die ganze Zeit. Jetzt kannst du den ganzen Spaß mal 3 Jahre multiplizieren und dich fragen, wie deine „perfekte“ Tochter es geschafft hat, trotzdem so weit – mit Erfolg! – zu kommen. Sie hat Besseres verdient.
Seit Jahren stopfst du dich und deine Ideen mir in den Hals hinein. Und jetzt, mit krankhafter Genugtuung, kotze ich dich aus mir heraus! Ich schmeiße dir alles zurück, lehne dich ab, so wie du Daddy abgelehnt hast, und mich abgelehnt hättest, hätte ich es gewagt, ich selbst zu sein – ICH! Oder vielleicht hättest du mich nicht abgelehnt, weil ich deine Tochter bin. Du hättest dich nur bemüht, mir beizubringen, den „richtigen“ Weg zu gehen. Ja, richtig, ich verabscheue dich. Jetzt bist du wütend und gekränkt – besonders weil ich dich geweckt habe. Deine Scheißarbeit. Na ja, vermutlich hast du keine passende Reaktion auf Lager. Vielleicht Mitleid. Oder Liebe – aber du kannst nicht wirklich Liebe empfinden, denn diese Lektüre wird dir bestimmt Ekel bereiten. Keine Reaktion ist akzeptabel, weil ich dich hasse. Du bist an allem schuld. Wahrscheinlich ist es gemein, dich zu wecken nur um das zu lesen, denn du kannst mir nicht helfen. Aber ich bin verzweifelt und meine Seele schmerzt, und ich kann nicht warten. Tut mir Leid. Aber tief in meinem Inneren habe ich ein starkes Bedürfnis, dich zum Wahnsinn zu treiben. Jetzt wirst du vielleicht nicht mehr so viele Fragen stellen, denn ich habe dir alle Antworten gegeben.
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1979: Das Schuljahr im Ausland
25. August: Jetzt kenne ich mich schon besser aus. Schulanfang ist am 13. September. Die Schulwoche ist Montag bis Samstag. Das ist Scheiße – Schule am Samstag!!! Aber wir haben viele Ferien. Wolfram, ein Nachbar, war letztes Jahr mit AFS in Binghamton. Er war am Bahnhof mit meinem Vater und hat als Übersetzer fungiert. Wir haben uns über Musik unterhalten und ich fragte, ob er Patti Smith kennt. Kennt?! Er hat alle ihre Platten! Ich habe mich sehr gefreut. Nur 5 Häuser weiter kann ich sie hören.
Ich habe eine wunderbare Familie – Mutter, Vater und 3 Schwestern (5, 8 und 10 Jahre alt). Ich bin so glücklich hier. Ich esse auch viel. Meine Mutter ist eine gute Köchin! Wir unterrichten uns gegenseitig – und tauschen Englische und Französische Wörter. Es ist lustig. Wie befriedigend, wenn ich etwas verstehe, und etwas sagen kann! Mein Wortschatz nimmt schnell zu, aber ich hätte heute auch lernen sollen. Stattdessen habe ich bis spät in der Nacht gelesen, bis Mittag geschlafen, und ein anderes Buch angefangen. On the Road (J. Kerouac) habe ich fertig gelesen. Gestern las ich Alas, Babylon (P. Frank). Ein ausgezeichnetes Buch – zeitgemäß obwohl in den 40er Jahren geschrieben. Empfehlenswert – es ist nicht nur lehrreich, sondern öffnet einem die Augen. Heute begann ich mit God Bless You, Mr. Rosewater (K.Vonnegut, Jr.). Bis jetzt gefällt es mir recht gut. Es ist manchmal lustig. Aber, ich muss mich zwingen, nach dem Schreiben schlafen zu gehen, da ich Morgen früh aufstehen muss, damit ich den Zug erwische. Es geht dann los – eine Woche Orientierung und Französischkurs. Ich genieße das Leben hier. Die Zeit IST einfach. Das Leben ist entspannt, ich habe kaum Verantwortung. Ich muss nicht im Haushalt mithelfen, was ich sehr genieße.
Manchmal habe ich solche Kopfschmerzen – ich höre so viel Französisch und bemühe mich, konzentriert zu bleiben und zu verstehen. Doch wird es immer besser. Es ist noch immer komisch mit meinem Vater. Ich bin es nicht gewöhnt, einen Vater im Haus zu haben. Ich kann mich nicht so leicht entspannen, wenn er zu Hause ist.
Ich denke an Desmond und Zuhause – und sie fehlen mir ein bisschen, aber nicht sehr. Es würde sowieso nichts bringen. Ich bin hier für ein Jahr, um Erfahrungen zu sammeln. Ich kann positiv oder negativ drauf sein – genießen und lernen oder jämmerlich sein und Heimweh haben. Jetzt bin ich glücklich.
30. September: Ist es mein Schicksal, ewig zu kotzen? Sogar wenn ich fast Pleite bin, kaufe ich Futter zum Kotzen – ich bin abhängig. Wenigstens dann, wenn ich alleine wohne oder aufs College gehe, werde ich nicht so paranoid sein müssen. [Damals konnte ich es mir nicht vorstellen, dass es möglich sei, normal zu essen und nicht dick zu werden. Ich habe nur in Extremen gedacht – dünn oder dick. Ich sah keinen Mittelweg des Essens und Sattwerdens, und trotzdem schlank zu sein – wie ich heute bin.]
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1980
17. September: Ich weiß nicht, ob ich wirklich bei dieser Arbeit [Au-pair Mädchen] bleiben will. Es ist frustrierend. Ich glaube, mein innerer Zwiespalt kommt durch die vielen kleinen Fehler zum Ausdruck. Zum Beispiel habe ich ein Hemd von mir mit ihren Sachen mitgewaschen, und jetzt ist die ganze Wäsche rot. Es ist, als ob ich alles falsch mache – und absichtlich immer die falsche Entscheidung treffe. Warum, warum, warum? Was mache ich bloß hier?
18. September: So, jetzt bin ich 18 Jahre alt. Na so was.
19. Oktober: Was für ein Wochenende! Am Freitag lernte ich einen Musiker kennen. Wir unterhielten uns und kifften. Samstag lernte ich den Rest seiner Band kennen, und ich sagte ihm, dass er mir etwas zu romantisch gestimmt ist. Ich will F-r-e-u-n-d-e sein. Ist es jetzt vorbei?
Komischer Typ auf der Straße hat mich um 25 Cent gebeten. Ich gab ihm einen Quarter (25-Cent Stück) – wir scherzten. Wir gingen in eine Bar – er lud mich auf ein Bier ein. Dann verbrachte er 10 Minuten am Männerklo. Danach Geschwätz wie – “Ich mag deinen Stil, wir sind 2 ähnliche Typen, heiraten wir, ich will dich…” Ich habe leider die Gelegenheit abzuhauen nicht genutzt. Er ging mit mir in ein anderes Lokal. „Geh mit mir nach Hause… gehen wir zu dir nach Hause.” Ich sagte, er soll aufhören, aber er hörte mir nicht zu. Dann verschwand er für 20 Minuten am Männerklo. Ich sagte es dem Kellner. Sie haben ihn rausgeschmissen – ich versteckte mich in der Küche. Sie drohten ihm, die Polizei zu rufen. Nachher haben sie mit mir geschimpft – offensichtlich komme ich nicht aus der Stadt. Hier musst du einfach vorbei spazieren und die Leute ignorieren. Zum Glück bin ich glimpflich davon gekommen. Aber, das mache ich nicht wieder.
Drei Briefe von Desmond. Ich schrieb ein Gedicht. Es geht mir besser. War am Boden – jetzt muss es doch aufwärts gehen. Am Freitag habe ich einen Termin mit einem Psychiater. Hoffentlich kann ich als Versuchsratte dienen und Antidepressiva ausprobieren. Kostenlos. Ich werde ihm alles sagen. [Es ist nichts daraus geworden. Ich habe mich zu tapfer dargestellt und meine Probleme verharmlost.]
Es scheint, als würde es wieder besser gehen. Ich habe einen Dollar gefunden, den ich vor mir versteckt hatte. Viel Asche im Aschenbecher – heute Abend wird kettengeraucht – habe gerade die letzte Zigarette angezündet. Ich musste einen Dollar für den Kaffee des Typen bezahlen, weil er gegangen ist. Ich weiß nicht mehr, wie er heißt – aber Scheiße – er war wirklich durchgeknallt.
Ich wünschte, Desmond würde nicht immer saufen, bevor er mir schreibt. Aber so ist er – wie zu den Zeiten, als ich in Frankreich war – betrunken um sich und sein Verlangen zu betäuben. Ich kann es kaum erwarten, ihn zu sehen. Ich will so viel mit dem nächsten Gehalt anfangen – ich gebe es nicht für Essen aus. Das kann ich mir nicht leisten. Ist es Langeweile? Es gibt andere Heilmittel bzw. Ablenkungen. So viel, was man tun kann – z.B. in die Bibliothek gehen. Doch verbaue ich mir weiterhin jede Möglichkeit, etwas zu erreichen, indem ich Zeit/Geld für Essen verschwende.
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1981
18. September: Tja, jetzt bin ich 19 Jahre alt. Ich werde bald in meine eigene Wohnung einziehen – nahe der Südwestecke vom Central Park. Mom borgt mir $925 – die sobald wie möglich zurückgezahlt wird. Das ist wirklich nett von ihr. Ich kann es nicht fassen, wie viel Geld ich buchstäblich weggeschmissen habe. Aber das ist jetzt vorbei. Jetzt ist es Zeit, das Leben zu genießen. Eine leere Wohnung – die ich so einrichten kann, wie es mir passt. Ich kann es kaum erwarten. Sie kostet $375/Monat – etwas mehr als ich geplant hatte – aber ich werde es schon schaffen. Ich muss lernen, mit dem Geld besser umzugehen. So, jetzt habe ich einen Mietvertrag für ein Jahr. Ich bin dabei, aufzuräumen – habe mit Desmond Schluss gemacht. Ich werde anrufen bezüglich Hilfe gegen Kotzen usw. Ich sehe ein, dass ich Hilfe brauche.
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1982
26. Juli: Heute hatte ich einen Rückfall – und habe soeben Blut gekotzt. Blöd. Ich gehe in Trance herum, flehend: „Bitte, tu mir das nicht an. Ich will nicht sterben.“ Doch frage ich mich schon lange, wie ich das so lange machen konnte mit so wenigen Nebenwirkungen (zumindest sichtbaren).
18. September: Heute habe ich Geburtstag – 20 Jahre. Es war schön bis jetzt – Lina (von OA) rief in der Früh an. Dann ging ich ins Kino – Hair. Davor gönnte ich mir einen Brunch im Kaffeehaus. Der Film hat mir gut gefallen. Bin dann nach Hause gekommen. Vicky rief an, dann Mom. Später ging ich wieder ins Kino – DIVA anschauen. Der Film war großartig! Soeben habe ich mein Geburtstagsessen gehabt – im Kerzenschein. Es war schön. Peggy (alte Schulfreundin) rief an und gratulierte – ich war gerührt, dass sie an mich gedacht hat. Dad rief an – und ein Haufen Leute sang „Happy Birthday“ ins Telefon. Er ruft vielleicht später nochmals an.
Ich hätte mir so gewünscht, dass Paul anruft. Während des Essens, dachte ich daran, wie schön es wäre, das Essen mit jemandem zu teilen. Heute spüre ich die Einsamkeit, aber ich akzeptiere sie – deshalb kann ich den Tag genießen. Ich habe heute nur schöne Dinge gemacht. Einmal bin ich knapp einem Einkauf von einem Dutzend Donuts entkommen. Ich habe gebetet, und dann fiel mir ein, dass sie nicht mal so gut schmecken. Gar nicht! Im Kino habe ich Popcorn gegessen! Das hat Spaß gemacht. Ich spüre einen Hauch Traurigkeit und Sehnsucht heute Abend. Aber es ist OK. Heute habe ich viele Dinge getan, die Teil meines Lebens sein sollen: gesunde Nahrungsmittel eingekauft, gesund gegessen, ins Kino gegangen, mit geliebten Menschen gesprochen, etwas geschrieben, Musik gehört, und lange geschlafen! Und heute kann ich lachen. Ich melde mich wieder für einen Aerobickurs an – in Oktober. Ich freue mich schon darauf.
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1983
16. September: Komisch – letzte Nacht habe ich viel an Doug gedacht – und heute kam ein netter Brief von ihm. Genau das, was ich brauchte! Ich freute mich sehr und freue mich auch darauf ihn wieder zu sehen. Ich bin auch auf Desmond neugierig. Ich will mit ihm schlafen – auch wenn nichts daraus wird. Es wäre interessant, einfach miteinander zu schlafen, ohne Zukunftsabsichten. Ich bin seit 5 Monaten unterwegs und hätte gerne wieder mal Sex.
19. September: Der Geburtstag ist schon wieder vorbei. Ich bin jetzt 21 Jahre alt! Ich lese den Brief von Doug immer wieder – und suche einen Hinweis. Aber das Spiel des Suchens und Hineininterpretierens hat bisher nur Enttäuschung und Herzweh verursacht. Am besten gebe ich den Brief weg. [Ich hätte den Brief hundert Mal lesen können und hätte nie einen Hinweis gefunden – aus dem einfachen Grund, dass ich nicht glaubte, dass er mich lieben könnte! Die Tatsache, dass er schrieb, war zu wenig!]
21. September: Letzte Nacht war Vollmond. Er leuchtete in mein Fenster und erhellte Raum und Träume. Das klare Licht öffnete meine Gedanken. Jetzt löst sich der Nebel schön langsam und ich sehe meinen letzten Tag in der Wohnung. Ich war abstinent. Es war so ein schönes Gefühl, körperlich leer und vom Leben erfüllt zu sein. Mit vollem Bauch fühle ich mich unendlich schwer. Mit eher leerem Bauch fühle ich mich lebendig und für den Augenblick bereit. Daran will ich mich erinnern. Die vergangenen 5 Monate waren sehr positiv, ich habe viel erfahren. Es tat gut, Geld für mich auszugeben – Geld, das ich verdient habe. Ab und zu habe ich Scheiße gebaut. Ich habe viel gelernt und die Zeit genossen.
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1984
16. September: Verbrachte das Wochenende auf Fire Island. Gestern haben wir ziemlich viel gekokst. Leah und ich waren am Nachmittag alleine, dann war es plötzlich Abend – Zeit zum Duschen und ein paar Freunde zum Abendessen zu treffen. Josh, ihr Verlobter, ist Koch. Er machte uns ein feines Essen. Danach gingen wir an die Bar. Leah war katatonisch; ich war hyperaktiv. Ich tanzte mit Josh. Irgendwann sind wir nach Hause gegangen, unterhielten uns noch, und sind dann um 4.30 ins Bett gegangen. Ich konnte kaum schlafen. Heute geht es mir gut – dachte ich zumindest. Jetzt bin ich erschöpft! Sitze im Zug und fahre nach Hause. Bald sind wir dort. Ich bin so müde – nichts geschlafen, viele Drogen, viel Unterhaltung und Aufregung.
18. September: Stacey war vorher da. Wir hatten eine nette Unterhaltung. Charles rief um Mitternacht an – eine wunderbare Geburtstagsüberraschung. Es tat so gut, seine Stimme zu hören. Er fragte, ob ich früher kommen kann. Ich sagte, ich kann nichts versprechen. Wenn ich weiterhin so viel Arbeit habe, könnte ich es mir vielleicht leisten, ein paar Wochen frei zu nehmen. Übrigens, jetzt bin ich 22 Jahre alt!
Heute kam noch ein Brief von Charles – er liebt mich. Es hat ihm bei mir gut gefallen. Am Anfang hatte er die Sorge, dass ich ihm auf die Nerven gehen würde, aber so war es nicht. [Und ich machte mir Sorgen, ob ich ihm gefallen bzw. nicht nerven würde! Damals wäre ich nie auf die Idee gekommen, dass er mir auf die Nerven gehen könnte!] Er hatte gar nicht damit gerechnet, dass wir so eine schöne Zeit haben würden. Gegen Schluss, merkte er, dass er mich liebt und er wollte es mir auch sagen, aber er traute sich nicht. Am letzten Tag konnte er erst recht nichts sagen, denn sonst wäre der Abschied noch schwerer gewesen. Er sagte, durch sein blödes, logisches Denken, hatte er mit einer kurzfristigen Beziehung gerechnet – dass er auch andere Frauen haben würde. Er wollte es nicht wahrhaben, dass er sich in mich verliebt hatte. Er fühlte sich wohl bei mir. Und ganz zum Schluss schrieb er: „P.S. Ich liebe dich.“
Stacey hatte Hunger und ich kochte etwas für sie. Ich bemuttere sie – und heute hatte sie es nötig. Sie hatte einen schweren Tag. Zuerst war sie recht aufgedreht und meinte, sie braucht eine Umarmung. Das finde ich schön, dass sie mir das sagen kann.
24. September: Ach, wie schön! Ich war mit Emily tanzen. Das will ich öfter machen – jedes Mal ist aufregend. Vorher rief Stacey an – sie war traurig und deprimiert. Im Laufe des Tages hatte sie die Nerven verloren und viel geweint. Ich fragte, ob sie mitgehen wollte, aber sie wollte nur einen TV-Abend bei mir verbringen. Ich hatte am Nachmittag ihren neuen Lebenslauf getippt. Sie war angenehm überrascht. Sie wusste, dass sie zu mir kommen kann und dass ich versuchen würde, sie aufzuheitern. Dann ging ich fort und sie blieb hier und machte sich einen schönen Abend. Sie ging knapp 15 Minuten bevor ich nach Hause kam, und hinterließ mir eine schöne Karte.
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1985
11. September: Ich habe ein paar Mal gekotzt. Nur kleine Anfälle, aber heute wandte ich mich dann an Junk. Schlimm. Ich brauche mehr Abwechslung. Diese Nervosität und die Krankheit sind nicht lustig. Als ich am Abend fertig war, mich duschte und fertigmachte zum Fortgehen, zitterte ich. Ich bin verschwitzt und total ausgeklinkt. Ich muss mich zusammenreißen – das Problem ist, dass ich das alles zu ernst nehme. Was? Alles. Es ist wirklich nicht so wichtig.
Niemand wird mir die Erlaubnis geben, das zu tun, was ich tun will – es ist leicht, negativ eingestellte Lebenskontrolleure zu finden. „Erlaubnis“ ist nicht erforderlich, denn die Tatsache meiner Existenz ist die Berechtigung, so zu leben wie es mir passt. Mir ist es egal, was andere über mich sagen. Wenn ich sage: „Mir ist es egal,“ dann nur deshalb, weil ich noch nicht wirklich so weit bin. Ich will weiter sein, nicht mal das Bedürfnis spüren, so etwas sagen zu müssen.
“Die höchste Hommage die wir der Wahrheit geben können, ist, sie anzuwenden.”
– Emerson
20. September: Mein Geburtstag kam und ist schon wieder vorbei. Mom rief in der Früh an, Dad am Abend. Es stimmt einfach gar nichts. Ich funktioniere nicht, wie ich es mir wünschen würde. Mir kommt vor, ich halte mich nur fest, und grabe sogar zurück in die Vergangenheit. Jetzt habe ich ES fast jeden Tag gemacht. Das ist deprimierend. Ich weiß nicht, was ich tue. Ich bin oft wütend, enttäuscht – du weißt schon, auf/von wen/m. Die Enttäuschung ist, dass wir so verschieden sind, und es erscheint mir hoffnungslos. Wir essen nicht mal dieselben Sachen!
Vielleicht gebe ich mir zu wenig Zeit für die Umstellung. Aber ich würde gerne einfach Kopf voraus eintauchen und aktiv leben, wie ich es mir bisher nur erträumt habe. Jetzt muss ich mir merken, dass ich 23 Jahre alt bin. Wir würden uns wahrscheinlich sogar an unserem Alter festhalten, wäre es möglich, um die Zahlen nicht ändern zu müssen. Das ist eine Übertreibung, aber du weißt, was ich meine.
Ich will mich wieder entspannen. Glücklich sein. Am Telefon fragte Mom, ob ich glücklich bin. Ich sagte „manchmal.“ Komisch, dass sie danach fragte, denn ich denke in letzter Zeit viel darüber nach – dass ich nicht glücklich bin. Meine Freundinnen fehlen mir. Ich will einen neuen Freundeskreis aufbauen.
Die Schule wird schon klappen. Heute geht es mir besser damit. Es ist nur eine Frage, mich in Bewegung zu setzen. Die zweite Schulwoche ist bald vorbei, jetzt kenne ich mich schon ein bisschen besser aus. [Ich musste noch eine Schule besuchen, um studieren zu dürfen, da mein High School Zeugnis nicht genügte.]
Langsam kommt wieder das Glücksgefühl zurück. Es war eine drastische Veränderung, aber die erfreuliche Seite beginnt, durchzuschimmern. Die Schule ist aufregend – es ist ein Vergnügen, zu merken, wie die Türen des Bewusstseins geöffnet werden. So, genug davon. Zurück Zum Lichtturm (Virginia Woolf) – ich bin fast fertig damit.
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1986
10. September: Ich esse wieder zu viel. Es ist so leicht, alte Muster wieder aufzunehmen. Ich habe verschlafen und hatte dadurch keine Zeit zum Meditieren. Morgen. Eine ruhige Stunde in der Früh ist mir wichtig, bevor ich mich in den Alltag stürze. Ich bin noch dabei, diese Gewohnheit zu etablieren.
Es klingt zu sehr wie die alte Geschichte
Ich will jetzt anders sein
Habe ich heute Nacht überhaupt geschlafen?
Angst und Aufregung vor dem Unbekannten
Ein greller Tag, dunkle Augenblicke
Fragen, die nicht zu beantworten sind
Obwohl jeder Trottel weiß
Der Duft der hellblauen Anmut
Marschierend im Raum dort draußen
Ein alternatives Schicksal suchend.
Du kannst nie wieder erschaffen
Eine Zukunft, die du vielleicht auslöschest
Spinnend in kollektiver Veränderung
Flucht in einer Tangente
Will mich nicht erinnern
Kann unmöglich vergessen
Dringe vor mit einem aufdringlichen Schlendern.
Dem Herzen so nahe, doch unsichtbar.
Leben im Zeitraffer – sinken oder schwimmen.
Der Schock eines Moments, den ich nicht real nennen kann
Aber es passierte gestern.
Das war eine vertraute Person
mit Blei um ihre Mitte.
Kämpfend und für Hilfe unerreichbar.
Halte deinen Kopf hoch
riefen sie, bis sie ertrank.
Angst zu verlieren und verloren zu gehen.
Nur weil du meine erste Liebe bist,
komme ich nicht unbedingt zurück.
Nur weil ich mich erinnere
Kann ich nicht am Ende beginnen.
Warum kehrst du immer wieder zurück?
Ein Foto, ein Gedanke, eine Karte
aus dem Land der Sonne.
Dort oben im linken Eck,
und ich wusste, du bist es,
denn Gedanken breiteten sich aus
Im Traum ging ich zu dir,
nur um mich neben dich zu setzen und zu reden.
Warum träumtest du das?
Das wollte ich tun –
Nur um Hallo zu sagen,
ich kämpfe weiter.
Noch habe ich nicht gewonnen.
28. September: Es ist bald Mitternacht. Ich bin seit 1 ½ Wochen in den Staaten, konnte bisher nicht schreiben. Es tut so gut, Freunde zu treffen. Ein paar Tage bei Stacey, dann die alten Arbeitskolleginnen getroffen und mit ihnen Essen gegangen. Ich habe bei Max gewohnt und einige Tage gearbeitet. Am Wochenende fahre ich nach Bachville. Ich bin bei Dad zu Besuch und später holt mich Doug ab. Er bringt mich dann zum Bahnhof, dann fahre ich zu Leah für das Probeessen zur Hochzeit. Es ist anstrengend, aber ich versuche jede Minute zu nützen.
Ich rief Charles zum Geburtstag an. Seine Stimme klang traurig. Er fehlt mir, trotz der ganzen Aufregung um mich herum. Zeit zum Schlafen.
8. Oktober: Zurück in Paris! Ich freute mich, Charles am Flughafen zu sehen. Die Wohnung sieht so hübsch aus, sogar Blumen auf dem Esstisch! Ich fühle mich so geliebt und geschätzt. Wir sind beide etwas schüchtern.
Nach Leahs Hochzeit habe ich Doug getroffen. Wir haben uns gut unterhalten – wie zwei alte Freunde. Das sind wir auch – ich kenne ihn schon seit 10 Jahren! Wir hatten so viel zu erzählen, aber es war anders als früher. Wir redeten mehr über das Leben und Beziehungen. Ich hatte den Eindruck, dass er es bereut, sich damals nicht für mich entschieden zu haben. Momentan geht es ihm nicht gut. Er hat eine schwierige Beziehung und ist nicht so begeistert vom Leben. Es stellte sich die Frage, ob wir miteinander schlafen wollten, aber ich war dagegen. Wir sind beide in anderen Beziehungen und ich bin mit Charles glücklich. Ich könnte nicht mit einem anderen ins Bett gehen.
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1987
17. September: Morgen, an meinem 25. Geburtstag, werde ich ein Zimmer anschauen. Es kostet mehr als ich erwartet habe, aber wenn Betriebskosten dabei sind, könnte es klappen. Je schneller, desto besser! Aber plötzlich fürchte ich mich.
Falls es dich interessiert: Mit dem Essen geht es gut. Nur eine kurze Episode vor ein paar Tagen. Merkwürdige Gefühle kommen hoch. Jetzt tut und sagt er alles, was ich mir früher gewünscht hätte, aber meine Abwehr wurde langsam und effektiv konstruiert, und ich weiß nicht ob ich sie wieder abbauen kann bzw. will.
Du bietest mir Gold, ohne Verpflichtungen,
keine Rechnungen mehr zu begleichen.
Aber warum erst jetzt?
Die Mauern sind stabil,
aus Schmerzen und Verletzungen erbaut,
eine systematische Sicherheit.
Meine Kraft ist zurückgekehrt,
und jetzt bist du bereit, das zu geben,
um was ich früher bettelte.
Jetzt, wo meine stärkste Empfindung
pure Gleichgültigkeit ist.
Ich habe nicht einmal die Energie, dich zu hassen,
die Liebe ist schon längst vergessen.
Verliebt sein? Liegt tief begraben,
unter Frust und Wut.
Heute Abend will ich für dich die Liebe nicht wieder ausgraben.
21. September: Der große Tag kam und ging vorbei. Ich besichtigte das Zimmer und sagte sofort zu. Charles hat gut reagiert. Zuerst fürchtete ich mich und zögerte, es ihm zu sagen. Ich bin traurig, weil ich ausziehe, aber die neue Wohnung ist wunderbar! Sie ist groß, hat eine gute Atmosphäre und kein TV. Mein Zimmer hat eine Tür. Meine Mitbewohnerin fährt gleich auf Urlaub, so bin ich fast 3 Wochen alleine. Das gibt mir Gelegenheit, mich einzuleben und gute Lerngewohnheiten zu entwickeln. Die Last der negativen Zurückhaltung hebt sich auf!
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1988
15. September: Etwas Ruhe bevor ich in die Schule hetze. Ein schnelles Lebenstempo und wenig Schlaf. Ich bin meistens zu aufgedreht. Es hilft mir, das ganze als Experiment zu betrachten. Es ist einfach eine Möglichkeit, Neues auszuprobieren. Hysterische Atemlosigkeit – immer in Eile. Aber morgen Nachmittag habe ich Zeit, mich auszuruhen. In 3 Tagen bin ich 26!
25. September: Max kam und ist schon wieder weg. Wie im Traum. Ich machte ein tolles Frühstück, aber alles ging zu schnell.
Physik hat sich in einen bedeutungsvollen Berg verwandelt, den ich ersteigen muss. Und zwar – mit so viel Vorbereitung, wie es mir gelingt, zu einem Termin, den ich nicht bestimmen kann (obwohl ich ihn natürlich immer wieder verschoben habe).
Verbrachte den gestrigen Tag mit Charles – ein Ausflug in die Natur und am Abend ins Petit Café. Ich übernachtete bei ihm. Wunderbar – konventioneller Sex im Bett, wie schön! Am Abend redeten wir übers Heiraten. Ich sagte, es würde das Leben einfacher machen, und wir werden wahrscheinlich sowieso heiraten. Er fragte, ob ich mit ihm zufrieden sein könnte. Später meinte er: “Vielleicht nächstes Jahr.” Wahrscheinlich hat er Recht – Bequemlichkeit ist kein guter Grund zu heiraten. Ich frage mich, was überhaupt ein guter Grund sein kann – außer Kinder. (Und ob das so gut ist?)
27. September: Eine Million Gedanken – einer davon: Als Kind war ich in Ordnung. Hätte ich es nur erkannt, dass keiner so kritisch ist wie ich selbst! Noch einer: Du tust was du tust, du tust was du kannst. Je mehr du tust, umso mehr kannst du.
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1989
3. September: Wieder eine Konfrontation mit Charles – ich behandele ihn noch als Feind. Ich gebe verwirrende Signale von mir. Donnerstag ging ich mit Barbara aus. Er traf sich mit Denise (seiner Ex). Anscheinend rief sie ihn an. Ich war leicht unruhig (eifersüchtig?). Er kam früher als erwartet nach Hause. Er meinte, es hätte vor 6 Monaten „gefährlich“ werden können, aber jetzt nicht mehr. Er meint, sie sind zu verschieden. Was auch immer du sagst, Schätzchen.
Ich probiere etwas aus – ich vertraue Charles und seiner Liebe, und deute nicht jede noch so kleine Geste als Beweis oder Gegenbeweis für seine Liebe. Das ist mir ziemlich fremd, aber eine Erleichterung!
17. September: Greta ist gestern los gefahren. Jetzt wohne ich alleine. Ich habe umgeräumt und geputzt. Ich werde in ihrem Zimmer schlafen, so lange sie weg ist. Es war noch hektisch zum Schluss, aber sie hat es geschafft.
18. September: Gestern war der erste Schultag. Ich traf ein paar Kollegen in dem Gasthaus vis-a-vis von der Schule und wir blieben gleich dort. Hitzige Diskussion über Psychologie und Psychoanalyse. Der Lateinprofessor war auch dort und versprach, mich heute nicht dran zu nehmen.
Heute Abend ein feines Essen und Sekt. Mom rief an. Dad auch. Es war nett. Charles schenkte mir einen Ring zum Geburtstag – Gold mit einem roten Rubin. Er gefiel mir zuerst nicht so, aber jetzt schon. So, jetzt bin ich 27 Jahre alt!
9. Oktober: Jetzt bin ich wieder im Jetzt, anstatt die Tage, Wochen und Monate zu zählen. Das ist doch keine Art, mich auf den Schulabschluss vorzubereiten, und keine Art zu leben!!! Ich will das Beste aus jedem Tag machen.
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1990
10. August: In Bachville. Ärger mit Mom. Halsweh vom Weinen – es erinnert mich an das Gefühl nach dem Kotzen. Warum bin ich nach Hause gekommen? Ist es notwendig? Lohnt es sich – wenn es einem schon gut geht – wieder nach Hause zurück zu kehren und den alten Mist auch noch in Angriff zu nehmen? Wut, Hassgefühle, und Frust sind sehr starke Empfindungen. Warum ist es so mühsam, uns zu verständigen? Ich dachte, wir könnten das. War es vorher nicht echt? Ich erinnere mich – Holger fragte nach der Beziehung, weil ich sie so selten besuche und so weit weg wohne. Damals war ich beleidigt, aber die Frage ist gerechtfertigt. Doch, zu viel Nachdenken ist unheimlich: Wer sagt, du musst deine Familie behalten? Jetzt verstehe ich, warum manche Menschen den Kontakt zur Familie verlieren.
10. September: Charles war hier und ist schon wieder weg. Wir halfen Mom auszumisten, und veranstalteten ein Flohmarkt. Wie Mom sagte, so hatten sie Gelegenheit, sich besser kennen zu lernen.
Ich machte endlich den Führerschein! Wir hatten eine nette kleine standesamtliche Hochzeit bei Mom im Wohnzimmer. Granny, Tante Judy, eine Kusine mit ihrer Familie, Max mit seiner Frau, und einige Freunde waren dabei. Es war recht kurzfristig und spontan, also kamen nur die, die gerade Zeit hatten – auch Katie Lane und Ricky (alte Schulfreundinnen) waren anwesend.
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1991
17. September: Gestern kaufte ich heimlich Zigaretten. Ich kann mir nicht helfen, aber ich muss damit aufhören. Sie sind nur für Notfälle! Ah, wie schön es ist, wieder zu Hause zu sein mit dem gewohnten Tagesablauf – viel Zeit zum Lernen und für mich allein. Das Rauchen hängt eindeutig mit dem Bedürfnis nach Freiheit zusammen. Weiterhin kämpfe ich mit meiner Selbstdefinition, Unabhängigkeit, und der Fähigkeit, mich nach Bedarf zurückzuziehen. Manche Abende verbringe ich in meiner Wohnung – nicht vor dem TV.
Wir haben am 6. September in seinem Heimatdorf geheiratet. Es war sehr schön. Emma kam aus Paris. Das freute mich besonders. Und Max war auch dabei.
18. September: So, heute bin ich 29 Jahre alt. Komisches Gefühl. Ich schlief recht lange. Gerlinde und Mom riefen mich an. Jetzt ist es 12.30 und ich bin bereit, zu arbeiten. Heute Abend werden wir auswärts essen.
22. September: Die Sonne scheint heute ganz warm. Altweibersommer – aber Herbst liegt in der Luft. Das Laub verfärbt sich langsam. Es ist nicht einfach, alte Muster zu durchbrechen und neue zu kreieren, besonders ohne gute Vorbilder. Aber es klappt. Ich gewöhne mich daran und akzeptiere, nicht alles zu wissen, nicht alles unter Kontrolle zu haben, und nicht zu glauben, dass ich alle Antworten parat haben muss.
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1992
15. September: Gestern war der erste Paarabend. Es war okay. Am Anfang haben wir viel gesprochen, dann machten wir ein paar Atemübungen. Wir sind sechs Ehepaare. Ich glaube, es tut uns gut, mit anderen werdenden Eltern zu reden. Natürlich gibt er das nicht offen zu.
Gestern suchte ich um die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung an. Die Frau war nicht besonders hilfsbereit – ich habe fast geweint. Obwohl ich vorher anrief, um genau nachzufragen, was ich alles mitnehmen muss, fehlten trotzdem zwei Sachen. Ich freue mich sehr, wenn ich die unbefristete Aufenthaltsgenehmigung habe und nie mehr hin muss.
Bertrand schickte mir eine Info für eine Gestaltgruppe, die er ab Herbst macht. Ich habe es mit Charles besprochen – er müsste auf das Baby aufpassen. Ich melde mich an.
25. September: So, mein 30. Geburtstag kam und ist schon wieder vorbei. Ich arbeitete kurz bei Charles im Büro, dann machte ich noch die Verbesserung für eine Seminararbeit. Jetzt ist sie fertig und schon abgegeben!
Gespräch mit Charles. Ich bin irritiert und fühle mich vernachlässigt. Ich bin so abhängig in letzter Zeit. Und es nervt mich, immer so früh schlafen gehen zu müssen, nur weil er früh aufstehen muss. Natürlich ist etwas Rücksicht notwendig im Zusammenleben, aber ich passe mich viel zu stark an ihn an. Ich brauche wieder mehr Distanz. Ich will immer mehr und habe ständig das Gefühl, mit zu wenig auskommen zu müssen.
Ich kaufte ein paar Schallplatten heute. Das baut mich immer auf. Das fehlt mir – als ich alleine wohnte, kaufte ich regelmäßig neue Platten. Und ich hörte sie auch an. So, jetzt habe ich Billy Joel – Stranger, Bob Dylan – Subterranean Homesick Blues, Hank Williams – Greatest Hits, und Mozart 21. Konzert für Klavier. Mozart ist eine Geburtstagsüberraschung für Charles. Ich will noch ein paar Dylan Platten kaufen.
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1993
16. September: Es war nicht einfach, aber ich habe definitiv entschieden, mit der Therapie aufzuhören. Ich lasse das vergangene Jahr nachwirken und arbeite weiter an mir. In der Schlussrunde bekam ich interessante Rückmeldungen. Sie meinten, ich hätte mehr von mir geben können. Das kann ich mir schwer vorstellen, wie ich hätte mehr geben können. Einige wichtige Erkenntnisse: Ich kann „Nein“ sagen – ohne Aggression. Denke, bevor ich reagiere! Charles ist nicht mein Vater und überhaupt keine Autorität, der ich gefallen muss. Ich muss nichts tun, nur um nett zu sein. Ich werde oft überrascht, und ziehe dabei den Kürzeren. Es ist mein Leben – und ich bin dafür verantwortlich.
Ich bin jetzt mit meinem Leben zufrieden. Die Wohnung ist relativ sauber, ich koche regelmäßig, verbringe Zeit mit Lydia, lese. Charles ist auch hier, aber wir unternehmen eher wenig gemeinsam – außer am Wochenende, und dann ist mir eigentlich lieber, er geht mit ihr spazieren und ich kann mich entspannen. Letztes Wochenende war ziemlich angespannt. Er ging mit ihr spazieren und ich dachte nach. Die Therapiediskussion hatte Wut in mir ausgelöst. Als sie weg waren, hörte ich gute, laute Musik (Max’s Band) und spürte wie meine Kraft und Bestimmtheit zurückkamen. Ich trauerte der Zeit nach, als ich alleine wohnte. Wenn ich es nur besser hätte nützen können – als gesunder Mensch!
Die Krankheit schränkte mich damals sehr ein. Wäre ich gesund gewesen, wäre ich jetzt wahrscheinlich noch allein. Aber ich bin es nicht, also vergesse ich es. Ich lag auf der Couch und spürte eine lang vergessene Energie durch die Musik, die in mich überging. Je stärker und selbstsicherer ich bin, desto weniger bin ich ein Opfer, umso seltener muss ich mich verteidigen. Das ist momentan ein Dauerzustand – immer wach, immer auf Angriff vorbereitet. Es ist manchmal so mühsam und ich habe immer noch das Gefühl, mich dauernd gegen Charles behaupten und mich rechtfertigen zu müssen.
Ich verwende noch mehr Gemüse. Ich will wenigstens versuchen, so gesund zu leben, wie die Leute von mir denken! Ich weiß noch, wie Barbara meinte, ich würde so streng sein mit dem richtigen Essen. Überhaupt nicht!
Neue Einsicht bezüglich der Aufräumanfälle meiner Jugend. Oft war ich traurig, dass ich so viel weggeworfen hatte. Einerseits wollte ich mich von der Vergangenheit lösen, aber es war auch etwas Selbstbestrafung dabei. Ich erlaubte mir nicht, sentimentale Gefühle zu hegen, ich wollte ungebunden und frei sein, nichts brauchen, und irgendwie weitere Verluste vermeiden.
Ich verlor meine Katze, meinen Vater, mein Bruder John ging zum Militär, meine Waldhütte (=Refugium) wurde zerstört, Tante Barbara zog weg, Shari zog weg, mein Zimmer und alle Zimmerpflanzen wurden einfach aufgelöst als ich das Jahr im Ausland verbrachte, und die Dauerangst, unser Zuhause zu verlieren, war auch eine große Belastung. Selbst zugefügte Verluste: Die Jahrbücher von der Schule, meine Puppen, das Puppenhaus, die Porzellantiersammlung, jegliche Sammlung. Jetzt habe ich Bücher, Fotos, Briefe, Kassetten und Schallplatten. Sonst kaum etwas.
18. September: Ich bin 31 Jahre alt.
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P.S. Ein paar Worte über verlorene Zeit
Gibt es die verlorene Zeit? Manchmal war ich traurig und stresste mich selbst mit der Vorstellung, was ich alles versäumt hatte. Nach der Gesundung machte ich mich fast kaputt mit der Anstrengung, möglichst viel nachzuholen, die Zeit möglichst gut zu nützen und keine Zeit mehr zu verlieren.
Als mein zweites Kind ca. 3 Jahre alt war, merkte ich, wie erschöpft und ausgelaugt ich war. Es waren unglaublich dichte Jahre! Ungefähr zu der Zeit, als ich begann, mich zu entspannen, fing es mit der Musik an.
Inzwischen bemühe ich mich, die Leistungsansprüche etwas niedriger zu halten. Ich muss nicht alles perfekt machen. Wenn mir das gelingt – was nicht immer der Fall ist, habe ich eine deutlich bessere Lebensqualität.
Es ist nicht leicht. Die verlorenen Jahre sind eine bittere Wahrheit. Und doch sind diese Jahre nicht verloren. Ich war halt mit anderen Dingen und Lernprozessen beschäftigt. Ich habe Erfahrungen gesammelt und Forschung betrieben, um mich auf das jetzige Leben vorzubereiten.
Es hat sich durchaus gelohnt! Ein Ergebnis dieser Erfahrungen und Forschung ist die Erkenntnis, dass ich es bevorzuge, das Defizitmodell abzulegen. Stattdessen betrachte ich es so: Es hätte ja sein können, dass ich noch länger krank war. Dadurch, dass ich gesund wurde, habe ich viele Jahre gewonnen! Jeder gesunder Tag ist ein gewonnener Tag!
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Meine wichtigsten Erkenntnisse
• Ich brauche alles nicht so ernst zu nehmen.
• Ich kann JETZT neu beginnen.
• Ich bin nicht die einzige Leidende.
• Je mehr ich teile, umso mehr kommt zurück.
• Ich darf liebevoll und verständnisvoll mit mir selbst umgehen.
• Ich darf dem Leben mit Humor begegnen.
• Es wird mir nicht immer alles beim ersten Mal gelingen.
• Niemand erwartet, dass ich vollkommen bin.
• Ich lerne durch meine Fehler und durch die Überlegung, wie ich es nächstes Mal besser machen könnte.
• Krisen und schwierigen Situationen sind Geschenke, die mir ermöglichen, mich weiter zu entwickeln und etwas daraus zu lernen.
• Gesundung (=Leben) ist ein lebenslanges Projekt.
• Es gibt keine vollkommen richtige Gesundung, sondern viele verschiedene, individuelle, Wege.
• Menschen sind erleichtert, wenn sie meine Unvollkommenheit erblicken.
• Es ist eine Erleichterung, wenn ich nicht alles kontrollieren muss.
• Heute ist ein neuer Tag.
• Es gibt viele Möglichkeiten.
• Wenn nichts anderes hilft, schlafe ich darüber.