Vergangenes Wochenende gab es wieder eine Ausbildungseinheit, diesmal zum Thema: Krisenintervention. Da ein Teil des Seminars auf Selbsterfahrung basiert, sind dementsprechend einige Krisen ans Licht gebracht worden.
Wieder einmal meinte ich, ganz oben zu stehen. Über die Dinge. Tja, ich habe schon soooo viele Krisen hinter mir. Mich erschüttert nichts mehr. Dachte ich.
Es ging darum, eigene Krisenmuster anzuschauen. Bei mir war es typisch, keine Krise zu sehen. Ich schob es meistens weg, ignorierte es einfach, oder sagte mir: „Anderen geht es viel schlimmer.“ „Das schaffe ich schon.“ Dann packte mich noch das Selbstmitleid und ich isolierte. Natürlich meinte ich, das Problem (so bald ich es erkannte) muss ich alleine lösen. Ich komme alleine zu Recht.
Ich gebe zu, ich habe schon sehr viel geschafft — und alleine. Aber der Einblick in mein Verhaltensmuster zeigte mir, dass es meistens besser wurde, nachdem ich Hilfe von außen annahm. Es ging auch wesentlich schneller voran.
Die Bulimie ist ein großartiges Beispiel dafür. Ich werkte viele Jahre — alleine — herum, aber der Durchbruch kam während der Gruppentherapie.
Auch meine Ehe war eine Geschichte der Einsamkeit. Ich machte alles mit mir selber aus. Und so vergingen viele Jahre. Bestimmt, es hat sich was getan, aber ich blieb lange dabei, ohne die Situation zu verbessern.
Ein großer Stolperstein war mein Bedürfnis, alles von vorn herein auszudenken. Ich wollte vorher wissen, was kommt. Da ich das nie wissen konnte, änderte ich nichts.
Dieses Wochenende wurde mir klar, dass es andere Strategien gibt. Ich kann mir sogar einen Krisenplan zurecht legen. Erstens muss ich erkennen, dass ich eine Krise habe — und diese benennen. So bald das klar ist, kann ich ein Ziel formulieren. Dann geht es darum, mich nach Ressourcen umzusehen. Wo gibt es Hilfe? Wer kann mir helfen? Ich werde aktiv und gehe nach außen, anstatt mich in die Isolation zurück zu ziehen.
Das Leben ist voller Krisen — groß und klein. Jeder Tag fordert mich heraus, auch Mini-Krisen zu lösen. Doch genau diese Mini-Krisen geben mir die Gelegenheit zu üben. Krisen sind nichts Negatives. Sie bieten mir die Möglichkeit, mich weiter zu entwickeln. Nach jeder Krise bin ich ein anderer Mensch.
So war es mit der Bulimie. Durch die Krankheit habe ich mich wirklich weiter entwickelt. Während der Genesung war ich manchmal ungeduldig und frustriert. Ich meinte: „Jetzt wo ich gesund bin, sollte alles wunderbar sein!“ Es war aber nach wie vor eine Mischung aus Freude, Trauer, Erfolgserlebnisse, Frust, Hoffnung, Angst, Zufriedenheit und Einsamkeit. Nur war es anders, weil ich keine Fressanfälle mehr hatte und nicht mehr kotzte. Aber es war ebenfalls eine Krise — mit lauter kleinen Krisen.
Dank diesem Seminar wurde mir klar, dass ich jetzt auch in einer Krise bin. Ich bin zwar ausgezogen, aber die Krise jetzt ist: Mein neues Leben bewältigen! Ich brauche neue Strukturen. Zu Beginn war ich nur erleichtert, meine Tage so zu gestalten wie es mir passt. Ich war niemandem Rechenschaft schuldig.
Es ist viel los und doch habe ich relativ viel Freizeit. Auch ohne Bulimie beherrsche ich die Kunst des Zeitverplemperns. Zuerst war es schön, so faul herum zu liegen. Ich habe mit voller Hingabe mich dem Faulenzen gewidmet. Es war so erleichternd! Aber jetzt wohne ich bald ein halbes Jahr getrennt von meinem Mann, und jetzt brauche ich Struktur. Ich rebellierte gegen seine Regeln und Anschauung, aber „Ich will nicht…“ ist zu wenig. Jezt ist angesagt: „Ich will…“ Ganz klar.
Ja, meine Krise hat einen Namen: Ich brauche Struktur. Ich arbeite, mache eine Ausbildung — und ein Projekt dafür, nehme Gesang- und Gitarrenunterricht, mache einen Yoga-Kurs, und ich komme irgendwie nicht dazu, zu Hause ausreichend zu üben bzw. daran zu arbeiten. Das stört mich.
Diese Struktur kann ich alleine erarbeiten, aber ich möchte damit nach außen gehen — mit ein paar Freundinnen darüber reden. Oft bin ich nach einem Telefonat motiviert. Ich erlaube mir, wenn ich nicht vorwärts komme — trotz Struktur — eine Freundin anzurufen und es anzusprechen.
Wenn der Leidensdruck groß genug ist, bin ich bereit, etwas zu ändern. Und so ist klar, dass ich — wie oben gemeint — überhaupt nicht drüber stehe, sondern mitten drin! Das Problem zu benennen ist der erste Schritt. Den habe ich heute getan.
da erkenne ich mich selbst wieder…. wenn ich einen strukturierten Tagesablauf habe, gehts mir viel besser. ich tu mich nur schwer damit, mir dieses strukturen auch zu setzen bzw. mich dran zu halten. das muss ich noch lernen
Mir geht es genau gleich! Aber ich bin überzeugt, mit klaren Zielen, etwas Übung, und viel Wollen, kann ich dem was ich eigentlich will einen Schritt näher kommen. Auch hier gilt für mich: kleine Schritte! Wenn ich alles auf einmal umkrempeln will, gebe ich eher auf. Oder ich denke mir: „Morgen….“
Die Bereitschaft nur etwas — nur ein Aspekt, eine Sache bzw. nur eine Stunde — anders zu machen ist schon eine Hilfe. Das ist für mich der Anfang.
Durch die Ausbildung habe ich noch etwas ganz wertvolles bekommen: Die Einsicht, dass ich im Prozess bin. Mitten drin. Das ist richtig befreiend, das Bewusstsein: „Ich bin auf dem Weg. Genau jetzt. Und Jetzt. Und Jetzt…..“
Du bist auch im Prozess!