Vorgestern hatte ich eine schöne Begegnung. Eine Freundin kam vorbei zum Kaffee. Es war ein schöner Sonntagnachmittag und wir konnten draußen auf dem Balkon sitzen und die warme Sonne geniessen.
Momentan bewegt sich viel in ihr. Erinnerungen von früher, Konflikte, Enttäuschungen und viele — manche fast unerträgliche — Gefühle kommen hoch. Sie erzählte mir zuerst vorsichtig von ihrer Vergangenheit. Bei manchen Dingen schämte sie sich. Sie erzählte einige Details. Ich hörte ihr zu. Sie sah mich an und fragte: “Was denkst du jetzt?” Es war offensichtlich, dass sie sich ein bisschen davor fürchtete, bei mir einen schlechten Eindruck zu machen.
Ich lächelte und antwortete: “Ich überlege gerade, ob ich dir dasselbe von mir erzählen soll!” Ich hatte ähnliche Dummheiten begangen. Sie lachte mit Erleichterung und erzählte mutig weiter.
Ihr Vertrauen ist ein großes Geschenk. Bei solchen Gesprächen kommt oft die Überlegung, ob ich von mir erzählen oder nur zuhören soll. Da ist nämlich schon die Gefahr dabei, das Erzählte dadurch klein zu machen. Es könnte ankommen, als meinte ich: “Ach, das ist doch gar nichts! Ich habe…” Das erlebe ich immer wieder im Alltag.
Doch, wenn diese Erlebnisse mit Feingefühl erzählt werden, um wirklich mitzuteilen, dass ich weiß um was es geht und mein Gegenüber keinesfalls verurteile, kann es wohltuend sein. So fühlt sie sich wirklich verstanden und angenommen, in ihrem ganzen Sein.
Solche Erfahrungen machte ich als ich noch unter die Bulimiemagersucht litt. Wie gut es mir tat, zu hören, dass es anderen auch so ging! Ich war doch nicht so schlimm, so schockierend, so furchtbar, so ekelhaft wie ich meinte! Welche Erleichterung!
Heute geht es mir noch immer so — mit anderen Themen. Der offene Austausch über Kinder, Erziehung, Beziehung, Minderwertigkeitsgefühle, und andere Gefühle ist eine wahre Bereicherung. Meistens ist es so, dass wenn ich es wage, mich nicht so toll darzustellen wie ich oft meine, dass ich sollte, dann ist Raum für Vertrauen und Vertraulichkeit geschaffen. Oft öffnet sich mein Gegenüber auch und teilt mir Dinge mit, auf den er oder sie nicht besonders stolz ist.
Diese Öffnung bestätigt für mich, dass wir wirklich nur Menschen sind und durchaus Fehler machen dürfen. Klar, das weiß doch jeder! Und dennoch hat sich die Überzeugung irgendwann in mir gefestigt, dass ich alles gut und richtig machen muss.
Inzwischen glaube ich, dass alles so passt, wie es ist. Es gehört alles dazu — zu meinem Leben. Ich muss es nicht mit “gut” und “schlecht” bewerten. Es ist wie es ist. Im Nachhinein sehe ich auch, dass gerade die Episoden, auf die ich nicht besonders stolz bin, den größten Lerneffekt mit sich brachten. Also sind sie doch zu etwas gut gewesen — und das gleich im doppelten Ausmaß: Erstens, weil ich persönlich dadurch eine Weiterentwicklung erlebte und zweitens, weil ich dadurch mehr Verständnis und Mitgefühl für meine Mitmenschen habe. Das ist sehr wertvoll.