habe ich diese Woche eine alte Schulfreundin gefunden. Kommendes Wochenende findet unser 30-jähriges Klassentreffen von der High School statt. Leider kann ich nicht daran teilnehmen, aber es freute mich sehr, von ein paar damaligen Kolleginnen zu hören.
Diese besondere Freundin war eine Leidensgenossin. Das erfuhr ich zuerst von meinem damaligen Freund — ihr Bruder. Sie verbrachte auch ein Jahr im Ausland als Austauschschülerin, wie ich. Während dem Jahr fing es an, da sie sehr viel zugenommen hatte und keinesfalls “dick” nach Hause kommen wollte. Sie lebte einige Jahre in den U.S.A., aber wir hatten nichts miteinander zu tun. Ich war in New York, sie in Texas. Dann übersiedelte ich nach Europa.
Als sie nach England übersiedelte (klar doch, der Liebe wegen!), fing unsere Freundschaft an. Wir schrieben viele Briefe. (Damals gab es kein Internet!) Seit einigen Jahren herrschte Funkstille. Es gab keinen besonderen Grund. Wir hatten einen regen Austausch gehabt, dann wurden andere Dinge wichtiger. So verloren wir uns aus den Augen.
Wir haben schon einige Mails geschrieben und sie erwähnte, dass sie endgültig gesund wurde — vor ca. 7 Jahren. Sie kann es kaum fassen, dass sie 23 Jahre mit Bulimie & Magersucht verbrachte. Ich fragte sie, ob es eine besondere Wende gab, als sie sich endgültig von der Bulimie verabschiedete.
Sie schrieb zurück, dass es keine große Erkenntnis war, sondern sie fand endlich zu sich selbst und begann, ihr Leben für sich zu leben. Bis zu der Zeit, hatte sie ein Muster. Sie verliebte sich, es ging ihr besser, dann fing es wieder an und sie schlitterte wieder voll in die Krankheit zurück. Heute kann sie es verstehen.
Ihre Beziehungen folgten demselben Prinzip: Freude & Verliebt-Sein, Selbstaufgabe, Essprobleme. Sie meinte immer wieder, den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Bevor sie nach England zog, war sie in Therapie. Es ging ihr gut und sie glaubte, als gesunde Frau nach England zu ziehen. Doch kam es anders. Ihre Gesundheit verwandelte sich in einen kräftigen Rückfall.
Damals schaffte sie es, sich zu trennen, sich scheiden zu lassen, und zurück nach Amerika zu gehen. Dort lernte sie einen neuen Mann kennen. Wieder ging es ihr gut. Zu der Zeit waren wir beide zu Besuch in unserem Heimatdorf und trafen uns. Sie sah gut aus und ich glaubte, sie hatte es überwunden. Sie auch.
Bald wohnte sie bei ihm, und dann ging es wieder abwärts — Selbstaufgabe, Fressanfälle, die ganze Palette. Sie trennten sich. Aber diesmal machte sie etwas anders. Anstatt einen neuen, besseren, geeigneteren Mann zu suchen, machte sie sich auf den Weg, eine eigene Wohnung zu finden. Sie stürzte sich in die Arbeit, in ihr eigenes Leben, und bald merkte sie, dass es ihr wieder besser ging.
Inzwischen sind sieben Jahre vergangen. Sie hat einen neuen Freund, aber sie hat ihr Leben und ihr Selbst beibehalten. Er hat eine eigene Wohnung, aber verbringt viel Zeit bei ihr. Berufsbedingt sind sie nicht jeden Tag zusammen. Das scheint gut zu passen.
Sie möchten schon irgendwann ganz zusammen wohnen, aber es wird noch eine Weile dauern. Vielleicht hat sie genau das bekommen, was sie brauchte — eine gute Beziehung, aber genügend Freiraum, um sich zu entfalten. Jetzt hat sie ihr Leben. Sie ist stark und sicher. Es geht ihr gut in der Beziehung. Ich freue mich sehr für sie.
Als sie in England war, hatten wir geschmunzelt. Wir beide sind von zuhause “geflohen” um unsere Mütter zu entkommen. Es gab viele Gemeinsamkeiten. Wir staunten manchmal über die Ähnlichkeiten in unseren jeweiligen Beziehungen.
Es gab Ähnlichkeiten, dennoch gingen wir verschiedene Wege. Ich blieb in meiner Ehe, sie versuchte es mit neuen Beziehungen. Eine Zeitlang war sie alleine. Jetzt hat sie eine Beziehung und es passt es für sie. Jetzt bin ich alleine. Und unsere Wege gehen weiter.
Jede Biographie ist anders. Jede von uns hat ihre Einzigartigkeit und ihren persönlichen Werdegang bzw. Weg. Ich meine, es ist gut, den Austausch zu haben. Es tut gut, Gemeinsamkeiten zu finden. Da fühlt man sich nicht so allein. Aber klar ist auch: wir dürfen uns nicht miteinander vergleichen. Das hat keinen Sinn und ist einfach irrelevant. So ist es im Leben — nicht nur was Bulimie usw. betrifft! Jede ist anders, jede ist gleichwertig. Die Unterschiede machen uns zu das, was wir sind: Individuen! Jede von uns gibt es nur ein Mal!