Ich habe erst nächste Woche Geburtstag, aber heute morgen bin ich etwas nachdenklich. Es war eine volle Woche mit einigen Morgenterminen, aber heute muss ich erst am Nachmittag arbeiten — also nehme ich es gemütlich, trinke noch eine Tasse Kaffee und sitze noch immer in der Pyjama herum.
Im vergangenen Lebensjahr bin ich aus dem gemeinsamen Haus ausgezogen. Ich fand den Mut, nach 24 Jahren eine Auszeit zu beanspruchen, und fand auch ziemlich schnell die passende Wohnung dazu. Seit einem Jahr bin ich berufstätig, in einem Bereich der mir sehr gefällt, obwohl ich mir das früher nie gedacht hätte! Seit Februar bin ich dabei, eine Ausbildung zu machen, die meine persönlichen und beruflichen Entwicklung fördert.
Hier und da spüre ich Angst und Trauer. Mein Sohn fehlt mir — ich sehe ihn nicht mehr so oft. Die Kinder sind nicht mehr so oft zusammen, und sie hatten immer eine enge Beziehung zueinander. Die Fehler der Vergangenheit können manchmal unerträglich schwer sein. Und meine finanzielle Situation ist nicht mehr so sicher. Dennoch, die positiven Entwicklungen halten die Waage. Nach wie vor vertraue ich, dass der Weg passt.
Es ist eine Zeit der Transformation. Ich bin im Prozess. Alles ist im Prozess. Ich bin dankbar, dass die schwer angeschlagene Beziehung zu meiner Tochter viel Heilung erfährt. Das war eine unglaubliche große Quelle der Trauer, weil sie so sehr und so lange unter der gespannten Situation gelitten hatte.
Der Sommer war eine Zeit der Umstellung und des Zur-Ruhe-Kommens. Unzählige Abende verbrachte ich am Balkon mit einem (oder zwei) Glas Wein und einer Katze. Es tat so gut, bis spät in der Nacht in Ruhe sitzen zu können, ohne dass mein “Besseres Gewissen” mit einem strengen, vorwürfsvollen Blick und sichtbar verspannter Geduld fragt: “Wann gehst du endlich ins Bett?” Ja, ich gestehe, ich habe auch immer wieder Zigaretten geraucht. Dieses Freiheitsgefühl ist unbeschreiblich, und ich musste mich ein bisschen austoben.
Etwas Betäubung war auch dabei. Vor ein paar Wochen, habe ich mir das bewusst erlaubt: ich darf ein bisschen abdriften und “schlimm” sein. Seither wurde es immer weniger. Herbst ist eine Zeit des Neubeginns für mich. Die kühle, frische, klare Luft, und die Sonne erfüllen mich mit neuem Lebensgefühl. Plötzlich spüre ich das Bedürfnis, ohne Alkohol und Nikotin zu leben. Ich will wieder einen klaren Kopf. Das gelingt mir auch — ein Tag nach dem anderen.
Nein, es war keine große Krise, kein übertriebenes Besäufnis. Es war eine leichte Betäubung und ausklinken. Es wäre sicher anders auch gegangen, aber es war mein Weg. Und es tut gut, immer wieder auf den Boden zurück zu kommen, zu merken: ich kann noch so viele Jahre gesund sein, aber ein Mensch bin ich trotzdem. Ich bin noch immer fähig, Dinge zu tun, auf die ich nicht Stolz bin. Dafür übernehme ich die Verantwortung, und diese Erfahrung hilft mir, mit mir selbst — und mit den anderen — nicht so streng zu sein. Keiner ist perfekt.
Für das neue Lebensjahr habe ich jetzt schon viel vor. Die Arbeit und die Ausbildung laufen weiter — und entwickeln sich weiter. Mein Buch soll endlich herausgegeben werden. Im Frühjahr will ich eine neue CD aufnehmen. Es tut sich was! Und natürlich wird es Überraschungen geben. Ich bin gespannt, wie es wird, und freue mich darauf!