Heute habe ich ein Email von Maya bekommen. Da ich eine ähnliche Geschichte habe, meine Tagebücher von damals noch vorhanden sind, und jetzt eine 16-jährige Tochter habe, bin ich in der glücklichen lage, Einiges zu verstehen.
Meine Tochter wird im Herbst 17. Es ist kein leichtes Alter — mit 16 fühlt man sich erwachsen und weiß Bescheid, und die Eltern versuchen sich immer noch einzumischen. Mit 16 versucht man, sich selbst und die eigene Welt zu finden/definieren. Es ist keine einfache Zeit. Und jetzt von der Seite als Mutter sehe ich, was ich anders hätte machen wollen. Die Erziehungsfehler machen sich jetzt deutlich spürbar. Aber auch diese Zeit geht vorbei. Meine Nichte war ein ziemlich wildes Mädchen und stritt andauernd mit ihrer Mutter. Heute ist sie fast 30 und wenn ich anschaue, wie die zwei miteinander umgehen, denke ich, es gibt noch Hoffnung für meine Tochter und mich!
Erst nach vielen Jahren wurde mir klar: Es sind Dinge in meiner Kindheit passiert, über die ich keinen Einfluß hatte. Meine Welt geriet durch die Scheidung meiner Eltern und alle damit verbundenen Folgen außer Kontrolle. Ich hatte furchtbare Angst und fühlte mich sehr einsam und im Stich gelassen. Ich suchte ein “lösbares Problem” in mein Gewicht — ein Bereich in dem ich nicht machtlos war. Und doch wollte ich es nicht lösen, denn das große Problem (die Scheidungsfolgen) wäre noch immer da gewesen. Vielleicht wollte ich auch Aufmerksamkeit. Ich wollte sagen: “Hey, schau bitte wie es mir geht! Es geht mir gar nicht gut!” Aber dazu war ich nicht imstande, also nahm ich ab. Dann mussten sie einfach hinschauen — obwohl das mich wiederum nervte.
Wie schon an anderer Stelle gesagt, ich denke, diese Krankheit erfüllt eine Funktion. Deshalb würde ich mir keine Vorwürfe machen. Aber, was ganz wichtig ist: zu schauen, in welchen Situationen ich sehr wohl etwas ausrichten bzw. agieren kann. Ich habe ca. mit 13 Jahren mit Essproblemen angefangen, und es dauerte 13 Jahre, bis ich sie wieder los wurde. Ich wusste schon mit 17 Jahren, dass es ein Problem war, aber ich schaffte es nicht, damit aufzuhören. Ich verpasste den Übergang — den Punkt, an dem ich mein Leben selbst in die Hand nehmen konnte, an dem ich selbst bestimmen konnte. Es wurde zur Gewohnheit und ich kannte kein anderes Benehmen, keinen Umgang mit Einsamkeit, Freizeit, Langeweile, Leere — und Gefühle des Hungers und der Sättigung muss ich gar nicht erst erwähnen! Gesundung ist nämlich so erfolgt, in dem ich immer mehr merkte, was ich selber tun, entscheiden, bestimmen und beeinflussen kann. Ja, ich habe auch einen bewussten Umgang mit Essen entwickeln müssen, aber das war nicht an erster Stelle. An erster Stelle war nur eins: ICH!
Ich kann nur sagen: wenn jemand die Möglichkeit einer Therapie hat, nimm sie in Anspruch!!! Ich habe selbst einige Therapien gemacht und sie haben mir sehr geholfen — sowohl Gruppen für Frauen mit Essstörungen wie auch allgemeine Selbsterfahrungsgruppen. Auch vor einem Jahr, als ich eine andere Krise hatte, machte ich eine Kurztherapie, um Klarheit zu bekommen. Therapie ist nicht Heilung von außen, sondern ein guter Therapeut/eine gute Therapeutin hilft mir, meine eigenen Heilkräfte zu aktivieren. Es steckt eh alles in mir, was ich brauche. Das ist bei jeder/m so. Wir müssen es “nur” aktivieren können.
Es wurde schon mehrmals gesagt, aber ich sage es heute wieder: Die Essstörung ist nur ein Symptom, eine Bewältigungsstrategie. Etwas in meinem Leben war unerträglich. Ich war zu jung und machtlos, etwas dagegen zu tun. Wichtig war dann später zu schauen, was ich tun kann. Später entwickelte ich lebensbejahende Möglichkeiten, mit meinem Leben umzugehen, und mit den Herausforderungen des Alltags klar zu kommen.
Als Teenager machte ich eine Therapie, aber das Essen erwähnte ich erst ganz am Schluss. Es war für mich damals kein Problem. Ich dachte, ich hätte es im Griff. Außerdem schämte ich mich dafür, also sagte ich es der Therapeutin nicht, oder nur andeutungsweise. Doch war die Therapie hilfreich, denn es gab wirklich Probleme, die wir gemeinsam unter die Lupe genommen haben. Durch sie lernte ich, die Verantwortung für meinen jüngeren Bruder loszulassen. Ich hatte ihn als meine Aufgabe übernommen, war in die Mutterrolle geschlüpft — mit 14 — und war überfordert. Ich hätte selbst eine Mutter gebraucht!
Das Leben gibt uns viel — manchmal zu viel. Doch gibt es immer eine Lösung, auch wenn manche länger auf sich warten lassen. Inzwischen bin ich so weit, dass ich mir denke: “Ich schlafe einfach darüber.” Oder: “Auch wenn ich heute keine Lösung habe, geht das Leben weiter.” Oder: “Ich werde mich nicht in Luft auflösen, wenn ich nicht sofort weiß, was zu tun ist.” Leicht ist es nicht immer, aber es geht!
Mir fiel zuerst kein Titel ein, dann kam ich auf “die innere Kraft”. Diese Kraft hatte ich immer — ob krank oder gesund. Diese Kraft hielt mich am Leben. Sie ist ein wahres Geschenk, das mit in dieses Leben geschickt wurde. Es ist erstaunlich, was ich alles aushalten, (dazu)lernen, verändern und bewirken kann — ob ich daran glaube oder nicht. Aber mit (Selbst)Vertrauen ist meine Energie gesammelt mobilisiert. Ich glaube an meine innere Kraft und das Universum, und ich vertraue, dass ich mit allem fertig werde.