Gerade habe ich ein Kommentar geantwortet, und meine Gedanken gehen weiter. Oft habe ich mich mit anderen verglichen — und bin heute auch nicht ganz frei davon. Ich glaube fest daran, dass jeder seinen Weg geht, und dass jeder nur so viel bekommt, mit dem er fertig werden kann. So steht es auch irgendwo in der Bibel geschrieben.
Dann aber schaue ich mich im Bekanntenkreis um. Ich kenne Menschen, die ihre Kinder an Krebs verloren haben. Neulich erfuhr ich von einer Frau, deren Sohn auf der mühsamen Weg der Besserung ist nach einem schweren Unfall. Eine Freundin von mir verlor vor 10 Jahren ihre Lebensgefährtin an Krebs — und trauert noch. Die täglichen Schlagzeilen sind auch nicht ohne.
Mit solchen Geschichten konfrontiert, könnte ich mich schämen. Ich könnte meinen, ich habe viel weniger gelitten. Manchmal denke ich wirklich so, und schäme mich fast, dass meine bescheidenen „Krischen“ mich so zu schaffen machen.
Andererseits, warum bewerten? Ich muss das bewältigen, was ich serviert bekomme. Wenn ich in der glücklichen Lage bin, nicht so erschütternde Erfahrungen zu machen, gibt mir das die Möglichkeit, anderen beizustehen. Es hat schon viele Abende, viele Gespräche gegeben, in denen ich einfach zuhörte und meinem Gegenüber Verständnis und Mitgefühl entgegen brachte. Das gehört auch dazu.
Wer kennt es nicht? Du erzählst vom schlimmen Kopfweh seit gestern, und jemand sagt: „Ach, das ist doch gar nichts! Ich habe seit Wochen Kopfweh!“ Das eigene Leiden wird missachtet, entwertet, verniedlicht. „Dir geht es eh so gut!“ Oder wenn mir etwas misslingt, heißt es: „Es ist doch nicht so schlimm. Ich habe es viel schlimmer gehabt.“
Das sind nur kleine Beispiele. Es gibt auch große Probleme und Krisen. Manche können besser damit umgehen und lassen es gar nicht zu einem großen Problem werden. Es ist eine Frage der Wahrnehmung und persönlichen Fähigkeiten. Beim gleichen Problem geht jeder anders damit um. Einer kommt klar, der andere bricht zusammen. Eine gibt sich die Schuld, eine andere beschuldigt ihre Familie oder die Gesellschaft. Einer greift zur Flasche, eine andere hat einen Fressanfall. Manch einer wird schwer krank, oder nimmt sich das Leben.
Wie ich damit umgehe hängt von mir ab. Ich kann mich mit anderen nicht vergleichen. Wozu? Ich bin mit meiner Persönlichkeit und meinen Fähigkeiten ausgestattet. Genauso wie ich andere respektiere, will ich mich auch respektieren.
Für mich ist es eine Frage der Wertschätzung und Akzeptanz. Ich bemühe mich, jeden und jede anzunehmen, wie sie sind. Meine Lösungen, mein Leiden, meine Bewältigungsstrategien, und meine Denkweise haben nichts mit den anderen zu tun. Wenn gefragt, gebe ich gerne Auskunft. Es hilft mir, mit anderen zu reden und zu erfahren, wie sie in einer ähnlichen Situation gehandelt haben.
Jeder Lebensweg ist anders. Wir können viel voneinander lernen. Wir können uns gegenseitig unterstützen und dabei wird oft der eigene Horizont erweitert. Am besten geht es, mit Wertschätzung und Respekt und ohne Vorurteile und Abwertung.