Die Beziehung und das Leben haben sich schon etwas entspannt, seit wir in die neue Wohnung gezogen sind. Lange Zeit kämpfte ich mit Schuldgefühlen und Trauer, weil ich so viele Fehler machte. Inzwischen ist es mir recht gut gelungen, loszulassen und einfach zu akzeptieren: Es war wie es war und es ist wie es ist.
Wie bei der Gesundung nach einer Krankheit — egal ob Grippe oder Bulimie, es dauert. Durch eine einzige — wenn auch magische — Veränderung, wird nicht alles von heute auf morgen besser. Es erfordert viel Geduld, Ausdauer und Feingefühl. Früher, weil so viel in der Beziehung nicht stimmte, versuchte ich einige Sachen durch Geduld und Großzügigkeit auszubessern. Da habe ich mehr erlaubt und toleriert als gut war. Das spüre ich jetzt.
Auch in dieser Beziehung geht es Schritt für Schritt. Meine Tochter war sehr eingeengt und betroffen durch die unglückliche, verspannte Beziehung ihrer Eltern. Auch sie entwickelte Bewältigungsmechanismen die nicht unbedingt positiv waren — aber sie funktionierten. Jetzt muss sie lernen wie es ist, wenn ich voll da bin und nicht mehr deprimiert und resigniert. Ich habe sie oft im Stich gelassen. Jetzt lernt sie erst, dass ich wirklich für sie da sein kann — auch wenn ich ihr nicht alles erlaube. Früher fiel es mir äußerst schwer, „Nein“ zu sagen, weil sie mir so leid tat. Das war ein Riesenfehler.
Doch heute habe ich die Gelegenheit, einiges zu verändern. Mir ist gerade eingefallen, dass ich auch dieses Projekt über längere Zeit mit vielen kleinen Schritten angehen muss — wie es halt ist in der Erziehung (und im Leben). Kinder brauchen Halt und viele Wiederholungen.
Was sich am meisten ändert, ist dass ich jetzt authentisch bin. Ich kann dazu stehen, da ich weiß, es wird keiner dazwischen funken und etwas anders sagen. Je älter das Kind, umso schwieriger die Umerziehung, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Wichtig ist mir, dass ich nicht aus Mitleid, sondern aus Liebe handele — und dabei das große Bild vor Augen behalte. Hinzu kommt, die ganz normale Pubertät. Es ist eine Zeit, in der sie sich abgrenzt, sich selbst sucht, und das Eigene finden will. Sie lehnt Vieles an mir ab, da sie die eigene Person sein will.
Das bewundere ich, denn ich habe als Jugendliche genau damit Schwierigkeiten gehabt. Meine Mutter war mehr Freundin als Mutter, und ich habe mir sehr schwer getan, mich von ihr zu trennen. Ich hatte immer das Gefühl, sie braucht mich. Es wundert mich nicht, dass ich nach Europa ausgewandert bin — um zumindest eine geographische Distanz zu erreichen. Meine Mutter war einsam und depressiv, und sie hatte keine Freundinnen — außer mir.
Mangels Vorbild tat ich mir schwer, die Mutterrolle anzunehmen. Doch lerne ich dazu. Ich halte es aus, wenn meine Tochter mich hasst. Auch wenn sie sich für mich nicht interessiert. Das ist nicht immer so. Manchmal setzt sie sich zu mir und redet — und hört zu. Das sind schöne Momente.
Ich habe ihr viele Schwierigkeiten aus dem Weg geräumt und aus verschiedenen Gründen (unabsichtlich, natürlich) ihre Selbständigkeit untergraben. Dann ärgere ich mich, dass sie so unselbständig ist! Ich möchte das Ziel vor Augen halten, und akzeptieren, dass es ein langer Prozess ist. Ich will nicht aufgeben, wenn sie heute (meiner Meinung nach) unmöglich ist.
Ich stehe zu ihr und liebe sie. Was auch immer noch kommt, ich nehme das als Teil der Entwicklung an. Manchmal tröste ich mich mit der Erkenntnis, dass ich in dem Alter schlimmer war. Die Hoffnungen und Erwartungen einer Mutter sind halt groß. Ich will nur das Beste für sie und es schmerzt mich manchmal, zuzusehen, wie sie ihren Weg geht. Aber das gehört auch dazu — loslassen und diesen Menschen ihren Weg gehen lassen, mit allen Hochs und Tiefs.
Eines Tages
fällst du heraus
aus dem Gesichtskreis
deiner Kinder
ohne dass sie je
herausfallen könnten
aus deinem Horizont
wo sie aufblühten
begossen
begleitet
geliebt
und eines Tages
wohnst du im Lächeln
derer die du
auf den Weg gebracht
und du lächelst zurück
von fern
(Annemarie Schnitt)
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Vielen Dank! Das ist wirklich wunderschön!