Heute bekam ich einen netten Brief von jemandem und ich möchte in einem Post antworten, da andere es vielleicht auch wissen möchten. Diese Person fragte, wie ich genau angefangen habe, gesund zu werden, und was ich gegessen habe. Sie sagte, dass sie ihr Leben leben will, und stattdessen sich bei der Arbeit Gedanken macht, was sie auf dem Heimweg kaufen wird. Und schämt sich dafür.
Da tauchte bei mir plötzlich ein Bild von früher auf. Ich musste jeden Tag ca. 40 Minuten mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren. In der Früh war es kein Problem, da ich meistens noch halb verschlafen war, aber auf der Rückfahrt nach Hause… konnte ich keine Minute ruhig sitzen. Meistens kaufte ich schon irgendetwas ein, um während der Fahrt essen zu können. Das war eine extreme Ausprägung meines Bedürfnisses, die gähnende Leere in mir bzw. in meinem Leben zu füllen. Es war unerträglich, dort in der Straßenbahn ruhig zu sitzen, ohne etwas in mich hineinzustopfen. Und da ich damals untergewichtig war, ging es nicht, dass ich mich z.B. mit Lesen ablenke. Meine Konzentration war viel zu schwach.
Wie fing ich an? Was habe ich gegessen? Es fing damit an, dass es mir endgültig reichte. Ich war bereit, ALLES zu tun um gesund zu werden, d.h. auch bereit, zuzunehmen und zu essen (oder zuerst zu essen, dann zuzunehmen!). Da ich von Gefühlen kaum eine Ahnung hatte — egal ob Sättigung, Hunger, Trauer, Wut, Freude — machte ich das ganze auf der rationalen Ebene. Ich beobachtete andere Menschen und kam auf die Idee, zum Frühstück eine Tasse Kaffee und 2 Scheiben Brot mit Butter und Marmelade zu essen. Zum Mittag ging ich oft in ein Restaurant essen, und vertraute auf die Portion. Abends gab es meistens ein Käsbrot, außer ich aß auswärts oder lud jemanden zum Essen ein.
Da ich sehr viel Erfahrung mit dem unangenehmen Gefühl des Voll-Seins gemacht hatte, achtete ich sehr darauf, eher weniger als mehr zu essen. Oberste Priorität war: mich zu jeder Zeit wohl zu fühlen, auch NACH dem Essen. Ich aß sehr langsam und bemühte mich, dass Essen wirklich wahrzunehmen und zu genießen. Es hatte schon viele Ausrutscher und Freßanfälle nur deshalb gegeben, weil ich ein oder zwei Löffel zu viel von etwas gegessen hatte. Also achtete ich sehr darauf, was sich gut anfühlt.
Meine Ernährung war nicht super gesund. Alles war erlaubt. Ich war der Meinung, egal was ich esse, wenn ich es behalte, das ist immer noch besser als kotzen. Das heißt nicht, dass ich nur Junk Food zu mir nahm, sondern einfach ein Bisschen von allem.
Ich betrachtete das Essen fast wie ein Budget und dachte: Da ich nicht endlos essen darf (weil ich es ja behalten will), dann bin ich wählerisch. Ich nehme nur das zu mir, was mir wirklich schmeckt. Wenn mir etwas nicht so schmeckt, dann lass ich es lieber. Reste warf ich weg. Wie ich schon einmal gesagt habe, ich weigerte mich, als Mistkübel zu funktionieren. Und ich dachte, wenn ich an die Menge denke, die ich schon am WC runtergespült habe, dann sind die paar Reste, die ich wegwerfe, nichts als Krümelchen im Vergleich.
Am Anfang achtete ich darauf, Sport zu betreiben. Ich hatte das Gefühl, mein Stoffwechsel funktioniert überhaupt nicht, und dass der Körper versucht, alles zu behalten, weil er so ausgehungert war. So ging ich ein paar Mal in der Woche ca. 20 Minuten joggen, und fuhr mit dem Fahrrad überall hin. Es war eher mäßige Bewegung. Ich wäre gern sportlich und aktiv, war aber immer recht bequem und faul — deshalb wahrscheinlich lieber die Bulimie Variante. Für die Askese einer reinen Magersucht hatte ich zu wenig Disziplin. (Obwohl, wenn ich so nachdenke, auf der emotionalen Ebene war ich bein hart. Ich verzichtete auf Zuwendung und gab mich mit sehr wenig Aufmerksamkeit zufrieden.)
Also, ich bewegte mich halbwegs regelmäßig, und aß sehr regelmäßig. Da alles erlaubt war, hatte ich nie das Gefühl, etwas zu versäumen. Ich aß alles — auch Dinge, die früher zu einem Freßanfall geführt hatten. Ich kenne mich: Wenn ich auf etwas verzichten muss, halte ich es nicht durch. Also, keine Verbote, alles nur im Maß. Und dazu die Überzeugung: Es gibt genug für mich. Ich muss nicht alles heute essen. Es wird immer genug geben. Nur weil das Angebot da ist, heißt es nicht, dass ich Hunger habe.
Moment! Das mit dem Hunger kam erst nach ein paar Monaten. Zu Beginn habe ich einfach nach Plan gegessen. Erst nach einiger Zeit kamen die Empfindungen der Sättigung und des Hungers. Es kam dann vor, dass ich mal mehr, mal weniger aß, aber am Ende des Tages gleichte es sich aus.
Die Betrachtungsweise des Essens als Mittel zum Zweck (=Leben) war dienlich. Dann ist das Essen kein Feind mehr sondern wird zur Mitarbeiterin an der Basis. Ohne sie geht nichts. Am Anfang der Gesundung wusste ich, dass ich etwas zunehmen muss. Diese Wahrheit war unerträglich. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte schon das Gewicht, denn das Zunehmen selbst war schlimm.
Da biss ich auch die Zähne zusammen und sagte mir: „Es ist mir egal. Ich werde jetzt vertrauen, dass der Körper eine vorbestimmte Größe/Maß hat. Ich vertraue, dass das Gewicht sich von selbst einpendeln wird. Ich werde meinen Körper annehmen und akzeptieren, so wie er ist und sein soll.“ Das klingt echt cool, aber es erforderte viel Mut.
Die meiste Kraft und der Antrieb kamen daher, dass ich endlich leben wollte. Ich hatte es mit der Essstörung einfach satt. Es war genug.
Paradoxerweise hatte die Essstörung nicht wirklich mit dem Essen zu tun. Das war halt das Verhalten dazu. Es war einfach eine Strategie, um durch den Tag zu kommen ohne dass ich mich von meinen Ängsten und Befürchtungen überwältigen ließ. Das „korrigierte“ Essverhalten war eine wichtige Unterstützung. Es gab mir die Kraft, die emotionale und psychische Gesundung in Angriff zu nehmen. Ja, sie sogar zu ertragen.
In den ersten Monaten ohne Kotzen habe ich geweint. Ich spürte plötzlich die Wut und die Trauer, die mir vorher fremd waren. Ich trauerte um mich, um das Kind, das in seiner Verzweiflung diesen selbstzerstörerischen Weg eingeschlagen hatte. Ich trauerte um die verlorene Zeit. Ich fühlte die Enttäuschungen, den Wut, die Verzweiflung. Einige Dinge verstand ich besser, andere ließen noch zwanzig Jahre auf sich warten, bis ich sie endlich verstehen konnte. Manche Dinge verstehe ich bis heute nicht und es ist mir inzwischen genau. Ich muss gar nicht alles verstehen und erklären können.
Die Einsicht war plötzlich nicht mehr so wichtig. Es interessierte mich nicht zu wissen, warum ich es getan oder oder wer schuld war. Wichtig war nur das Verhalten, bzw. meine Gesundheit. Wer schon etwas von meiner Geschichte der lezten Monaten gelesen hat, weiß, dass ich trotz körperlicher Gesundheit noch immer eine Weile brauchte, um an mich zu glauben, Selbstvertrauen zu haben, und um bereit zu sein, für mich selbst gerade zu stehen. Spät aber doch tue ich es jetzt. Ich freue mich über das „jetzt“ und sorge mich nicht um das, „was sein hätte können.“ Es konnte nicht sein, sonst wäre es gewesen. Und momentan bin ich mit meinem Leben zufrieden — sogar glücklich — wie nie zuvor.