to do it my way, wie Frank Sinatra es so schön sagte. Einen Schritt nach dem anderen habe ich unternommen, und jetzt ist es so weit: Zeit für eine eigene Wohnung und eine Auszeit. Meine Tochter wollte unbedingt mitgehen, um den Mietvertrag zu unterschreiben. Danach im Auto schrie ich vor lauter Freude und sagte ihr: „Das letzte Mal als ich einen Mietvertrag unterschrieb, war ich 19 Jahre alt und lebte in Manhattan! Das ist aufregend!“ Viel ist geschehen seit damals.
Es stand schon lange an und es fühlt sich richtig an. Das heißt nicht, dass meine bisher treue Begleiterin, die Kognitive Dissonanz, mich in Ruhe lässt. Im Gegenteil. Für diejenigen, die nicht wissen was gemeint ist, ihr kennt dieses Phänomen ganz sicher. Nach langem Hin und Her triffst du endlich eine Entscheidung. Ah! Endlich Ruhe! Nein, doch nicht. Kaum ist die Entscheidung getroffen, fangst du an, zu hinterfragen, ob du nicht irgendetwas in deiner Überlegung vergessen hast. Ob du dich vielleicht doch anders entscheiden hättest sollen. Um das zu durchstehen, habe ich eine recht effektive Lösung gefunden: Beten. Ja, ich bete einfach. Ich bete für die Bereitschaft, zu vertrauen und die Angst und Unsicherheit loszulassen. Und ich erkläre ebenfalls meine Bereitschaft, auf dem Pfad meines Schicksals geführt zu werden — mit blindem Vertrauen wenn es sein muss.
Das klappt ziemlich gut. Vorgestern Abend kam so ein Anfall von Zweifel. Ich war sehr müde (Müdigkeit begünstigt Kognitive Dissonanz!) und merkte plötzlich, wie ängstlich und unsicher ich wurde. Anstatt mich auf diese Angst einzulassen, betete ich. Na ja, tatsächlich war die Angst am anderen Tag weg. Falls nötig, hole ich tief Luft, atme wieder aus und erinnere mich daran: Auch Mini-Schritte zählen! Ich muss nicht jetzt gleich alles genau wissen.
Ab dem 1. Mai gehört die Wohnung mir. Es ist viel schneller gegangen, als erwartet. Eigentlich hätte das nur eine Übung in Wohnung-Anschauen sein sollen, aber sie gefiel mir sofort. Was und wie ich alles hintransportiere, Möbel organisiere, das Telefon anmelde, usw., das weiß ich noch nicht. Zuerst muss ich den Schlüssel in die Hand bekommen, etwas Zeit dort verbringen um ein Gefühl für die Räumlichkeiten zu bekommen, und dann wird mir schon was einfallen. Im Mittelpunkt ist nur das, was heute erledigt werden kann. Um alles andere muss ich mich heute nicht kümmern.
Es ist ein schönes Gefühl: Freudige Zufriedenheit mit etwas Aufregung. Nachdem ich über viele Jahre schreibe, wie toll es ist, wenn man Risiken eingeht und das Leben richtig anpackt — aber in meiner sicheren Existenz verweilte — breite ich meine Flügel aus und lerne selbst zu fliegen. Es ist wahrhaftig ein Lernprozess. Irgendwie ist es ironisch, dass ich für diese Entwicklung eine allgemein instabile Zeit erwischt habe. Aber so ist es oft im Leben — man kann es sich nicht aussuchen.
Ein Kapitel geht zu Ende, aber eine neue Tür ist schon aufgebrochen. Meine Haltung ist anders. Anstatt die endlosen kleinen Schritten unterwegs als nervigen Notwendigkeiten zu betrachten, erkenne ich sie jetzt an als wesentliche Teile des Prozesses. All das ist eine Lernerfahrung und bringt persönliche Weiterentwicklung mit sich. Wie Hermann Hesse es einst sagte: „Sobald du ein Ziel erreicht hast, ist es kein Ziel mehr.“ Habe ich das schon Mal erwähnt? Das wäre gut möglich — denn dieses Zitat begleitet mich in letzter Zeit, während ich mich ständig daran erinnere, dass das Leben viel mehr ist, als irgendein Ziel zu erreichen.
Da ich eher eine gefällige Rolle bisher spielte, ist es recht unbequem, die „Böse“ zu sein. Mein Mann meint, ich reiße die Familie auseinander. Das werden die Nachbarn vermutlich auch denken, wenn sie davon erfahren. Im Herzen weiß ich, dass ich das tun muss — für meinen Verstand und für meine Kinder. Mein Mann wird vielleicht auch davon profitieren, aber so sieht er es noch nicht. Ich vertraue, dass sich alles gut entwickeln wird.
Bulimiekranken und Magersüchtigen neigen dazu, eine Autoritätsperson zum Partner zu nehmen. (Moment mal! Kann eine Autoritätsperson überhaupt ein Partner sein???) Jetzt komme ich endlich zu mir. Ich ziehe aus und nehme eine Auszeit. Keiner von uns weiß, wohin dieser Weg führen wird, aber eines ist klar: Es ist höchste Zeit, dass ich erwachsen werde und mir es erlaube, die Hauptautoritätsperson in meinem Leben zu sein. Denn ich weiß besser als jeder andere, was für mich das Beste ist!