Gestern kam ich vom ersten Seminarwochenende zurück. Es ist eine 3-jährige Ausbildung, die Selbsterfahrung und Theorie vereint. Ich hatte mich sehr gefreut, und auf Grund meines großen Erfahrungsschatzes rechnete ich mit einem eher ruhigen Wochenende — was “Themen” betrifft. Ich war mir sicher, dass die “anderen” eher Schwierigkeiten haben würden. “So bald kann mich nichts sehr tief berühren.” So dachte ich.
Für den Anfang, hatte ich Recht. Aber am letzten Tag erwischte es mich voll und unerwartet: genau meine Themen! Welche? Grenzüberschreitung, mich nicht zurückziehen können, Hilflosigkeit, Kompromiss vs. Resignation, etwas geschehen lassen weil ich niemanden verletzen will — auch wenn ich mit dem betreffenden Menschen nicht “kann”. Dann gibt es noch die Angst, dass ich Grenzen überschreite. Ich bin sehr feinfühlig und versuche immer zu spüren, wie ich ankomme. Ich will niemandem meine Anwesenheit zumuten, wenn sie nich erwünscht ist. Manchmal vertraue ich meiner Wahrnehmung und meinem Gefühl nicht. Zum Glück hatten wir zwischendurch eine Pause, also konnte ich mich sammeln. Danach fand ich eine gute Lösung. Für jetzt. Ich weiß, dass ich mich dem noch stellen muss: Meine Grenzen klar abstecken. Gestern konnte ich einfach nicht, es war mir zu viel. Also fand ich eine Zwischenlösung.
Heute hielt ich die Ruhe fast nicht aus. Nach 4 Tagen Gemeinsamkeit mit zwei Dutzend Menschen, bin ich es einfach nicht mehr gewöhnt, alleine zu frühstücken. (Mein Mann war nicht hier und die Kinder schliefen noch, da wir Ferien haben.) Aber es geht nicht nur darum, Menschen um mich zu haben. Dieses geistige Verbindung, der achtsame Umgang miteinander, die Interaktion — das war ganz etwas Besonderes von der Gruppe.
Das hätte ja fast eine Krise werden können. Es wäre eine optimale Ausrede, um mich in das Essen hineinzustürzen — auch wenn unbewusst. Der Übergang ist schwer auszuhalten. Es hat sich so viel getan, dass die Umstellung auf den Alltag mir äußerst schwer fällt. Am liebsten würde ich einfach schlafen und mich nicht damit auseinandersetzen. (Oder ich könnte essen!!!)
Aber das mache ich nicht mehr. Das ist seit 20 Jahren keine Option für mich. Nein, stattdessen schreibe ich, weine ich, oder mache etwas anderes. Heute beschloss ich, ins Tagebuch darüber zu schreiben. Ich wollte es einfach zu Papier bringen, da mir das immer hilft, meine Gedanken zu sortieren. Danach fiel mir ein, dass ich möglicherweise nicht die einzige aus der Gruppe bin, die sich heute schwer tut. Ich rief eine ganz liebe Frau aus der Gruppe an, und wir sprachen miteinander. Es tat mir gut, die Verbindung wieder herzustellen und zu hören, wie es ihr ging.
Jetzt ist es Nachmittag. Heute habe ich noch nicht viel geschafft. (Zum Glück habe ich heute frei!) Ganz langsam komme ich in Bewegung. Ich sehe, was zu tun ist, was offen ist, und Schritt für Schritt finde ich zurück. Vielleicht ist es deshalb so schwer, zurück zu finden, weil ich nicht unbedingt ganz zurück finden will. Jene Ausnahmesituation der betonten Kommunikation hat mich getragen und ich war glücklich, dort zu sein, und mich mit den anderen so gut zu verstehen. Es zeigt schmerzhaft deutlich auf, was mir in meinem Alltag fehlt: Nähe und Kommunikation. Au weh!
Erkenntnisse sind immer gut, um Richtung anzugeben. Auch diesmal schaue ich es mir an und sehe, was ich daraus machen kann bzw. wohin der Weg gehen möge. Für mich ist das ein gutes Beispiel dafür, sich anzunehmen, wo man sich gerade befindet. Ich kann meinen, ich bin schon weit gereist. Am anderen Tag meine ich, ich stehe noch ganz am Anfang. Ich bin auf dem Weg. Ich lerne viel, aber es gibt noch viel mehr. Es ist gut so, genau wie und wo ich bin. Dennoch bleibe ich nicht stehen. Ich darf mich hier und da ausruhen, aber ich kann es mir nicht auf dem Polster der Erfahrung zu bequem machen. Noch bin ich nicht fertig!
Hallo Celia,
in vielem, was du schreibst erkenn ich mich wieder.
Es tut gut und gibt viel Power, an einer Fortbildung teilzunehmen, in der es spannende und sensible, einfühlsame Menschen gibt.
Ich habe auch erst eine längere Therapieausbildung abgeschlossen. D. h., die Zertifizierung fehlt noch. Mir haben die Wochenenden und Tage immer sehr gut getan und sehr viel Power, Inspiration und neue Ideen gegeben gegeben.
Ich fand es auch so toll, in einem Prozess zu stehen, eine Ausbildung, eben “auf dem Weg” sozusagen.
“Angekommen zu sein” finde ich immer schwer auszuhalten, ich brauche Perspektiven, das Gefühl, dass es weitergeht und nicht stagniert.
Ich finde es bewundernswert, wie du mittlerweile, mit Stimmungen, Gefühlen, Frustsituationen, Zeiten der Leere etc. umgehen kannst, ohne in alte Muster zu fallen.
Ich wünschte mir das auch für mich. Habe im Moment aber das Gefühl meilenweit davon entfernt zu sein.
Die Woche gings mir wieder ziemlich schlecht und ich war abends völlig fertig und ausgepowert.
Ich habe aber langsam die leise Ahnung davon, dass mein Weg über Entspannung führen muss und das im Alltag.
Schwer, aber machbar.
Der Alltag powert mich derzeit noch zu sehr aus. Ich muss andere Strategien entwickeln, damit mein Akku nicht so völlig ausblutet und ich nur noch F/K kann.
Ich wünsche dir viel Ruhe und auch Anregung,
Marie
Liebe Marie!
Ich wünsche dir auch ganz fest, dass du neue Bewältigungsstrategien entwickelst und diese auch einsetzen kannst. Auch wenn du das Gefühl hast, meilenweit davon entfernt zu sein, es geht nur mit kleinen Schritten — heute, hier und jetzt. Deshalb schreibe ich auch darüber, wie es mir geht. Ich will damit zeigen, dass es möglich ist. Ich will Hoffnung wecken. Ich gebe zu, mein Leben ist nicht optimal und manchmal verfalle ich auch in Selbstmitleid, aber auch dann kann ich damit umgehen, ohne Fressattacke. Ich weine, zum Beispiel, oder tue etwas für mich — ruf eine Freundin an, gehe ins Kino, nimm ein Bad. Es gibt sehr viele Alternativen zum Fressen.
Ich sehe das auch so — wir sind alle auf dem Weg. Und es gibt Begegnungen, die uns viel Kraft und Hoffnung geben. Ich wünsche dir alles Liebe!
Celia