…aber wer will das schon? Ich nicht! Ich will perfekt sein! Tja, Pech gehabt. Seit bald fünf Monaten bin ich bei der neuen Arbeit, und weiß noch immer nicht alles. (Werde ich es je wissen?!) Da ich nicht alles weiß und auch nicht alles vorhersehen kann, sind Fehler vorprogrammiert. Es sind hauptsächlich kleine, nicht weltbewegende Fehler, aber dennoch sind sie Fehler.
Unterwegs nach Hause von einem langen Arbeitstag, schwirrten Gedanken über ein paar frische Fehler – auch über einen weniger-als-optimalen Umgang mit einer bestimmten Situation — mir durch den Kopf. Was machte ich? Ich sagte mir, irren ist ganz normal und gehört zum Prozess dazu. Wegen dem muss ich sie nicht mit nach Hause nehmen und den restlichen Tag darüber grübeln. Durch die Fehler lerne ich, besser zu kommunizieren. Manche Fehler basieren auf mangelhafte Weitergabe an Informationen. Es ist ähnlich wie wenn einer vor mir fährt, nicht blinkt, und plötzlich abbiegt. Der nimmt an, ich kann seine Gedanken lesen. Kann ich aber nicht! Und meine Kollegen können auch nicht wissen, was war oder noch zu tun ist, wenn ich es ihnen nicht sage.
Ich mache nicht andauernd Fehler. Es ist eher so, dass ich meine Arbeitsleistung einfach verbessern könnte. Aber diese Woche machte ich wirklich einen Fehler. Aua! Vielen Dank, Höhere Macht! Dadurch lerne ich, das Fehlverhalten zu akzeptieren, es ohne Verschönerung zu erklären, und die dadurch entstandene innere Spannung wahrzunehmen und wieder loszulassen. Ja, ich irrte mich und werde die Konsequenzen tragen. Doch heißt das nicht, dass ich ein schlechter Mensch bin. Es heißt auch nicht, dass ich inkompetent bin. Und natürlich war es nicht Absicht.
Mir fiel ein, dass ich den Umgang mit solchen Situationen nicht wirklich gut gelernt habe, auch wenn das zum Erwachsenwerden dazu gehört. Ich habe eher gelernt, so zu tun, als wäre nichts. Als wäre es nicht passiert. Als wüsste ich nicht, was eigentlich los war. Oder wenn ich mich nicht auskannte oder unsicher war, dann war Vermeidung die am häufigsten angewandte Devise. Ein recht unklarer Zugang, wenn du mich fragst!
Wie auch immer, auch aus diesem Grund bin ich froh um diesen Job. Er bringt mir bei, dass ich nicht alles tun und wissen kann, noch wird das von mir abverlangt. Er bringt mir bei, Fragen zu stellen, meinen Stolz beiseite zu lassen, offen zu sein für neue Informationen. Heute sprach ich noch mit einer Kollegin. Ich teilte meine Schwächen mit. Damit hat sie verstanden, dass es mir bewusst ist, und dass ich daran arbeite. Bei der Arbeit ist Ehrlichkeit eher als Perfektion notwendig. Ach, und ich soll natürlich immer mein Bestes geben!
Eigentlich bin ich zufrieden mit den Fortschritten bei der Arbeit. Ich habe schon viel dazu gelernt, etwas Routine entwickelt, und spüre eine wachsende Kompetenz. Ich erkenne meine Schwächen und arbeite daran, sie zu beseitigen. Doch freue ich mich über die kleinen Erfolgserlebnisse unterwegs. Es ist schon befriedigend, am Ende des Tages Revue zu passieren und sehen, dass die meisten Sachen richtig gemacht wurden.
Übrigens, es gibt noch einen zweiten Teil zu diesem Spruch: „Zu verzeihen ist göttlich.“ Nicht nur, dass wir andere verzeihen oder sie uns, aber dass wir uns selbst verzeihen. (Wenn ich ehrlich sein darf, ich finde es viel leichter, andere zu verzeihen.) Wenn ich mir selbst wahrhaftig verzeihe, dann akzeptiere ich mich genau so wie ich bin. Wenn mir das gelingt, spüre ich inneren Frieden, Liebe und Großzügigkeit in mir. Es ist ein erstaunliches, wunderbares Gefühl.
Ja, das fällt mir auch leichter, anderen zu verzeihen als mir selber. Es bedarf viel Übung, sich selbst auch ganz und gar zu verzeihen. Ohne daß „es“ dann immer wieder nach oben kommt und mir bewußt wird. Denn dann habe ich es mir wohl doch nicht wirklich verziehen.
Liebe Grüße
Ellen
Bei den großen Sachen, kann ich es schwer sagen. Manchmal kommt es mir vor, dass es lange dauert, oder neue Facetten werden mir bewusst und dann erfolgt ein erneutes Verzeihen — bei mir und anderen. Es ist, als würde es Schicht um Schicht geschehen. Dann irgendwann ist wirklich Ruhe. Dazu fällt mir das Verhalten meines Vaters während der Scheidung meiner Eltern ein. Ich brach die Beziehung in meiner Jugend ab und es dauerte viele Jahre, bis wieder eine positive Beziehung entstehen und gedeihen konnte, bis ich ihm verzeihen konnte. Ich bin dankbar dafür, dass es möglich war.