Es gibt fast nichts Besseres als ein paar ganz ruhige Tage um die Gedanken zu sammeln. Montag hatte ich frei und das Haus ganz für mich allein! Gestern musste ich arbeiten, aber hatte ein paar Stunden frei zwischen durch. Erledigungen hielt ich auf ein Minimum, damit ich noch Zeit für mich alleine hatte. Heute habe ich schon wieder frei. Es ist ein wunderbares Gefühl zu wissen, ich kann tun was ich will und muss mit niemandem reden. Mit Kindern, Haushalt, kreativen Projekten, und jetzt auch noch einem drei-jährigen Lehrgang der bald losgeht, habe ich es manchmal nötig zu chillen.
Das klingt doch recht nett. Wo ist der Dämon? An dem wunderbar ruhigen Montag saß ich im Wintergarten, Wärme, Energie und Vitamin D tankend, und arbeitete weiter am Manuskript meiner Geschichte. Es verblüfft mich immer wieder, dass jedes mal etwas anderes zum Vorschein kommt. Ich habe es schon so oft gelesen, aber jedes Mal bringt ein erneutes a-ha Erlebnis mit sich.
Diesmal bin ich noch mehr schockiert über meine Ehe und die Tatsache, dass sie so lange dauerte. Das ist einfach peinlich. Warum? Weil ich es nicht verstehe, wie ich so lange in dieser Situation ausharren konnte. Noch ein Teufelskreis. Und jetzt tritt die Perfektion auf. Vor und während der Bulimie, hatte ich extrem hohe Erwartungen an mich. Während der Gesundung wiederholte ich: “Ich bin nicht perfekt. Ich muss nicht perfekt sein. Keiner erwartet von mir, dass ich perfekt bin.” Jetzt bin ich gesund und erwarte noch immer so viel. Während der Arbeit am Manuskript, erwischte ich mich beim Gedanken: “Also, du hast es geschafft, dich von Bulimie und Magersucht zu befreien, aber du bist noch immer ein Angsthase und versteckst dich in einer energie-raubenden Beziehung. Entweder leidest du gerne und willst dich nicht weiterentwickeln, oder es gibt noch etwas zu erledigen.”
Prozesse und Einsichten passieren nicht immer alles auf einmal — zumindest nicht in meiner Welt. Das war Montag. Zwei Tage später, heute, legte ich mich in der Früh wieder ins Bett — mit einem Häferlkaffee, und hörte eine CD an. So wanderten meine Gedanken herum zwischen dem Träumen und dem Wachsein. Perfektion machte sich auch bemerkbar und mir wurde klar, ich komme mir wie eine Versagerin vor, weil ich die Essstörung bewältigte, aber mich jahrelang von diesem Erfolg tragen ließ. Dabei drückte ich mich vor anderen Dingen. So kann man es sagen. Aber es gibt einen anderen Zugang: In mir sitzt so eine tiefe Angst (auch wenn ich sie nicht verstehe und den Ursprung nicht kenne), dass ich es brauchte, mich so lange auf die Gesundung zu fokussieren, um meine Mut und Zuversicht aufzubauen. Ja, ich habe es geschafft. Körperlich bin ich gesund. Aber auf der emotionellen Ebene gibt es noch ein paar Dinge, die Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen.
Der Dämon saß mir im Rücken. “Hey, wenn du ein Buch über Gesundwerden schreibst, solltest du 100% gesund und perfekt sein. Du solltest mit allem perfekt zu Recht kommen und mit allem erfolgreich sein.” So kamen Schuldgefühle, ein schlechtes Gewissen, weil ich meinte, ich spiele etwas vor. Aber Moment mal! Gesund zu werden heißt doch nicht perfekt zu werden. Nein, es geht um persönliche Entwicklung und Reife. Eines ist klar: Es ist keine gute Idee, gleichzeitig mehr als eine Sucht loszuwerden. Zuerst ließ ich das Essproblem los. Dann reduzierte ich mein Alkoholkonsum. Danach konnte ich mit dem Rauchen aufhören. Jetzt bin ich so weit, mich mit der Angst und der Beziehung auseinander zu setzen. Jetzt bin ich bereit, meine Angst loszulassen.
Merkwürdig, wie die Dinge so klar werden. Von Tag zu Tag spüre ich wie die Angst sich auflöst. Meine Haltung gewinnt an Mitgefühl. Die Essstörung war nicht nur ein Bewältigungsmechanismus während einer Zeit in der ich von Hilflosigkeit, Seelenschmerzen und Kontrollverlust überfordert war. Nein, der Prozess der Gesundung trug auch seinen Teil. Ich hatte Gelegenheit zu lernen, wie ich auf mich schauen kann. Ich konnte mich von dem Leid der Kindheit und Jugend erholen. Es hat lange gedauert. Ich verzichte darauf, einen Urteil abzugeben. Es dauert so lange wie es dauert. Das kann ich anderen Menschen mit gutem Gewissen sagen, aber es betrifft auch mich.
Es gibt viele Facetten, die ich einfach nicht verstehe. Es ergibt keinen Sinn, dass ich so handelte, so lange darunter litt, so viel aushielt. Aber ich tat es. Glaub es mir! Ich verbrachte sehr viel Zeit damit “nett” zu den anderen zu sein. Vor einigen Tagen las ich wieder ein paar Todesanzeigen (eines meiner vielfältigen Hobbys) — auch über bekannte Persönlichkeiten. Mir fiel auf, dass sie nicht als ”nett” beschrieben wurden. Nein, Adjektiven wie ”streitsüchtig, egoistisch, selbstbestimmt, zielstrebig” wurden verwendet. So dachte ich mir: Ich will nicht ganz einfach “nett” gewesen sein. Das passt mir nicht. Deshalb will ich, so lange ich lebe, meine Ängste (vor Ablehnung?) überwinden und an eine Todesanzeige arbeiten, die mir würdig erscheint. Oder mich zumindest zufriedenstellt. Das klingt vielleicht morbide, aber ich meine nur: Wenn ich gehe, will ich zufrieden sein. Mein Ziel ist nicht, böse oder gemein zu sein. Ich will nur echt sein.