In letzter Zeit war ich leicht hektisch und habe viel zu wenig geschlafen. Ich musste kurzfristig Dienst tauschen, da mein Mann auf Geschäftsreise fuhr. Ich hatte ich schon gebeten, mir das rechtzeitig zu sagen. Dann ist es nämlich kein Problem, den Dienst passend einzuteilen. Er meinte nur: “Ich plane doch nicht 10 Monate voraus!” Im konkreten Fall meinte er: “Ich weiß es selber auch erst seit 2 Tagen.” Da wurde ich leicht stutzig. Aber wir haben ein großes Haus, vielleicht hat es so lange gedauert, bis er mich gefunden hat. So viel dazu.
Also bin ich dem Nachtdienst entkommen, aber musste dafür das ganze Wochenende arbeiten. Das macht nichts, denn er war ja wieder hier. Untertags arbeitete ich, abends war ich zuhause. Am Freitag gab es verschiedene nächtliche Störungen — einen nachmitternächtlichen Anruf “Bitte hol mich vom Bahnhof ab”, eine Katze, eine zweite Katze, dann stöberte jemand noch um 6 Uhr früh in der Küche herum. Es war keine ruhige Nacht.
Samstag kam die Steigerung. Nach getaner Arbeit, freute ich mich auf einen gemütlichen Abend mit Freundinnen. Wir standen keine 10 Minuten zusammen, da ging mein Telefon los. Meine Tochter rief aus einem Spital an. Sie hatte ihre Hand wo eingequetscht und ob ich sie abholen könnte. Klar doch. Ich lief nach Hause, suchte es im Internet aus, und fuhr los. Mein Mann hatte nur geringe Interesse gezeigt, und auch nicht vorgeschlagen, dass er mitfährt, oder überhaupt selber fährt, da er ja GPS in seinem Auto hat. Macht nichts. Ich nahm es einfach zur Kenntnis und fuhr los. Auch nach einem 10-stündigen Arbeitstag steigt das Adrenalin und macht wunderbar munter wenn das eigene Kind in Gefahr ist.
Inzwischen ging es ihr schon besser und sie wollte eigentlich noch fort gehen. Das erlaubte ich nicht. Nach einem Unfall ist man nicht ganz richtig im Kopf und braucht etwas Ruhe. Sie beschimpfte mich während der Heimfahrt: “Ich hasse dich! Du ruinierst mein Wochenende! Ich ruf dich nie wieder an wenn etwas ist.” Die Erleichterung, dass es keine ernste Verletzung war und die Erinnerung an meine Jugend erlaubten mir, es gelassen hinzunehmen und ganz ruhig weiter zu fahren. Es ist einfach eine Tragödie, wenn eine 16-jährige junge Frau am Samstag nicht ausgehen kann. Das sehe ich ein.
Am Sonntag erinnerte sie mich wieder daran, dass ich ihr Wochenende versaut hatte. Ich sagte ihr, dass ich am Samstag auch fort war. Ich nehme es ihr aber nicht übel, dass auch sie mein Wochenende vermasselt hat. Es kam wie es kam, und ich bin froh, dass es ihr gut geht.
Montag noch Nachtdienst, dann kam ich Dienstag morgen müde nach Hause, und freute mich auf zwei “freie” Tage — um den Haushalt wieder in Schwung zu bringen. Mein Mann kam mir mit finsterer Miene entgegen und meinte: “Die Wäsche, die seit Tagen in der Maschine war, stinkt.” Er hatte sie schon ausgeräumt und andere Wäsche hineingegeben, da ich “seit Monaten” nichts gewaschen habe. Das stimmt einfach nicht. Im Keller steht kein Wäscheberg.
Das und der Schlafmangel setzten meine Gedanken frei und es kamen ganz merkwürdige Einfälle. Jetzt arbeitet er zuhause und darf mehr auf die Kinder schauen. Vor vielen Jahren meinte er noch, das müsste ganz toll sein und er möchte es auch machen. Als ich damals studierte und die Kinder klein waren, wollte ich etwas Unterstützung im Haushalt. Er meinte: “Wenn es zu viel ist, vielleicht solltest du das Studium lassen.” Ich leiß es erst nach der Sponsion.
Jetzt bemühe ich mich wieder, zwei Jobs zu machen. Ich bitte nicht um Hilfe, denn sonst heißt es: “Vielleicht solltest du den Job aufgeben.” (Übrigens, den Job verdanke ich meinem Studium. Also hat es doch etwas genützt, dass ich nicht aufgab!) Aber mir fiel ein, wie Leute fragen: “Wie viel arbeitest du?” “28 Stunden in der Woche.” “Ach, und deine Familie kommt damit zu Recht?” bzw. “Dein Mann hat nichts dagegen?”
Dazu einige Fragen: Wer fragt einem Mann, ob seine Frau etwas dagegen hat, wenn er arbeitet? Wenn ein Mann arbeitet und im Haushalt mithilft, warum wird er bewundert? Wenn ich müde von der Arbeit nach Hause komme, warum ist es selbstverständlich, dass ich noch koche und den Haushalt mache? Warum schnauzt man mich an, wenn die Wäsche nicht gemacht ist? Früher, als mein Mann von der Arbeit nach Hause kam, musste er sich eine halbe Stunde (mindestens) ausruhen. Stellt euch vor, ich hätte erwartet, dass er gleich in die Küche geht und etwas kocht! Eine Zumutung wäre das gewesen!
Ich glaube, die jüngere Generation macht das anders. Ich bin da irgendwo in der Mitte. Ich glaube nicht an diese traditionellen Rollenaufteilung, bin aber hineingerutscht. Doch bemühe ich mich, etwas zu verändern. Jetzt wenn ich weiß, dass es zum Mittag knapp wird, empfehle ich, dass er ins Gasthaus geht. Früher war sein Büro nicht im Haus und da ging er jeden Tag ins Gasthaus. Jetzt arbeitet er zuhause. Das hatte den Vorteil, dass er in den letzten paar Jahren seine Kinder viel näher kennenlernen durfte.
Ich beobachte und entlarve diese blöden Spielchen und unangebrachten Verhaltensmuster. Leider bin ich etwas spät daran. So spät, dass ich für die Beziehung keine Hoffnung mehr sehe. Ich habe aufgehört, mich um sie zu bemühen. Beziehungs-burnout. Komischerweise, seit ich aber nicht mehr so widerstandslos mitmache, tut sich etwas. Früher merkte ich schon, dass etwas nicht stimmt, aber da vertraute ich meiner Wahrnehmung nicht. Jetzt stelle ich nicht meine Wahrnehmung in Frage, sondern dass, was mir nicht passt. Es ist ganz anders seit ich nur an mich arbeite und die anderen in Ruhe lasse.
Ach, und was ist mit den Einladungen? Nur, dass ich Dienstag Abend noch eine Einladung zu einer Geburtstagsfeier bekam. Da ich recht müde war, kam ein alter Gedanke hoch: “Ob er etwas dagegen hat?” Plötzlich kam auch Wut hoch, als mir bewusst wurde, dass für mehr als 20 Jahre ich auf Einladungen so reagiert habe. Es war immer der erste Gedanke, ob es für ihn passt. Nicht, ob ich hingehen will. Das hat sich Gott sei Dank schon geändert. Ich lasse nicht mehr zu, dass seine Meinung mein Verhalten bestimmt. Die Zeiten sind vorbei, aber es hat recht lange gedauert, bis ich das korrigierte.
Ich kam nach Hause und teilte mit, dass ich noch auf ein Fest gehe. Er meinte nur, er geht auch fort. Es ist schon lustig. Ich glaube, es ist ihm niemals eingefallen zu fragen oder gar zu denken, ob ich etwas dagegen haben könnte. Aber ich hatte auch nie etwas dagegen (oder nur ganz selten). Doch er hat früher immer seine (negative) Meinung dazu geäußert und ich hatte ein schlechtes gewissen, mich mit Freunden zu treffen und mit ihnen Spaß zu haben. Und das im 21. Jahrhundert! Zum Glück ist es jetzt anders. Ich habe dazu gelernt und mich befreit.