Der Reisebericht ist geschrieben, aber es gibt noch ein neues Buch für meine Sammlung. Es verdient eine eigene Post. Meine Mutter hatte es mir empfohlen, aber ich lehnte zuerst ab. Sie empfiehlt viel und ich pflege zu sagen, dass ich sowieso immer das finde, was ich gerade brauche. Beim Besuch meiner Tante, kam unser Gespräch auf dieses Buch. Sie hat es auch, und ich sah es mir an. Dann borgte ich es mir bis zum nächsten Tag aus.
In der Nacht schaffte ich es bis zur Hälfte und beschloss, es zu kaufen. Zum Glück gab es noch ein Exemplar beim Strand Buchladen. Wie heißt dieses Buch? The Soul’s Code: In Search of Character and Calling von James Hillman. (So weit ich gesehen habe, gibt es noch keine deutsche Übersetzung. Ein Versuch: Geheimnis der Seele: Auf der Suche nach Charakter und Berufung.) Es stimmt vieles mit dem überein, was ich mir denke, aber bringt es viel eleganter und überlegter auf den Punkt.
Zuerst geht es um die Berufung. Daran glaubte ich schon immer — mit weniger oder mehr Überzeugung. Durch dieses Buch bekam ich das Gefühl, dass alles wirklich in Ordnung ist, so wie es ist. Daher ist es nicht notwendig, vergangene Fehlentscheidungen zu bereuen oder sich selbst zu beschimpfen. Das “Richtige” bzw. “Falsche” ist eine Sache der Auslegung, und alles trägt zu dem bei, wo ich mich gerade befinde. Plötzlich sehe ich die Schönheit in das Gesamtbild — mit all den Fragmenten der Vergangenheit als spezielle Teile davon. Meine Traurigkeit verebbt und wird durch Staunen und Akzeptanz ersetzt. Wenn ich daran glaube, dass alles so ist wie es sein soll, breitet sich ein friedliches Gefühl in mir aus. Ich bin sogar optimistisch und voller Hoffnung — ohne dass ich die Luft anhalten muss. Ich glaube einfach daran. Es geht um das Universum, wie ich schon die ganze Zeit sage, aber diese Überzeugung wurde durch das Lesen vertieft.
Es gibt ein Spruch bei den 12-Schritten-Programmen: “Gott hat mich nicht so weit gebracht, um mich jetzt fallen zu lassen.” Daran glaube ich. Absolut.
Ein Kapitel handelt von Eltern. Wir wählen unsere Eltern und die Lebensumstände vorher aus, und vergessen all das bei der Geburt. Unsere Kinder wählen ebenfalls ihre Eltern aus. Vor ein paar Jahren las ich ein Buch von einem Hindu Swami. Er erzählte, dass sein Vater einen Astrologen konsultiert hatte. Dieser sagte voraus, dass sein Sohn ein heiliger Mann (Swami) wird. Der Vater war enttäuscht und tat alles in seiner Macht, um das zu verhindern. Er versagte. Damals spürte ich Erleichterung beim Lesen, da ich traurig war und ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich keine perfekte Mutter bin. Es tröstet mich diese Vorstellung, dass meine Kinder ihr Schicksal haben, unabhängig von mir. Auch wenn ich Fehler machte (und weiterhin machen werde), werden sie gedeihen und ihre eigenen Bestimmungen finden.
Ja, nicht nur, dass ich meine Eltern auswählte, sondern meine Kinder taten das ebenfalls. Beim Lesen fiel mir ein, dass sie MICH als Mutter aussuchten, so wie ich bin. Wie Hillman sagt: Wir werden nicht zu jemand, sondern wir sind jemand. Jetzt. Deshalb ist es meine Aufgabe, ich selbst zu sein und meiner Berufung zu folgen, denn nur so bekommen meine Kinder das, was sie sich ausgesucht hatten. Das bin ich ihnen und mir selbst schuldig.
Jeder von uns hat seine Berufung, seine Bestimmung in dieser Welt. Wir haben eine persönliche Bestimmung und zugleich eine Aufgabe für unsere Umwelt — egal wie groß oder klein. (Mit groß oder klein meine ich die Bestimmung, nicht die Umwelt!) Jeder zählt. Manchmal läuft alles wie geschmiert. Manchmal scheinen die Hürden unüberwindbar zu sein. Doch wir schweben und schleppen uns weiter, je nach dem.
Am letzten Tag in dem Haus meiner Kindheit, brach die Traurigkeit ein. Als Abwehr, verwöhnte ich mich in dem ich ins Dorf fuhr, ein Frühstück einkaufte, und damit wieder nach Hause fuhr, damit ich draußen im Garten frühstücken konnte. Ich wollte die Sonne geniessen, den Wind in den Bäumen hören, die Vögel sehen, und nachdenken. Ja, ich weiß. Schon zum zweiten Mal erwähne ich den Wind in den Bäumen. Das Haus ist umringt von Bäumen und der Geräusch ist einfach überwältigend. Als ich von dem geliebten Haus Abschied nahm, weinte ich. Wieder im Zug nach Manhattan, beschloss ich, glücklich zu sein statt der Vergangenheit nachzuweinen. Ich war froh, dass ich dort sein und perfektes Glück spüren konnte. Zwei Tage später, begann ich, das Buch zu lesen. Es passte genau.
Heute konzentriere ich mich auf die Schönheit in meinem Leben, inklusive den verrückten Umwegen und Verirrungen. Oft hatte ich das Gefühl, geführt zu werden, als würde ich selbst gar nicht entscheiden sondern nur einem Plan folgen. Heute bin ich stark und entschlossen. Die Erkenntnisse der letzten Wochen und Monaten bringen mich dazu, an mein Schicksal zu glauben. Ich weiß jetzt was ich will und ich glaube, das ist auch richtig so. Das spüre ich in meinem Herzen. Ich bin bereit alles zu tun, um diese Bestimmung zu erfüllen. Früher traf ich manche Entscheidung nur halbherzig und meinte, ich nehme den Weg des geringsten Widerstandes. Das mache ich heute nicht mehr. Sicher, die Entwicklung ist nicht nur ein Resultat der bewussten Entscheidung. Schicksal und das Universum haben auch etwas mitzureden. Doch bin ich überzeugt, dass meine Bemühungen nicht umsonst sein werden. Und wenn schon.
Zum Schluss bleibt nur eines: Was das Buch betrifft, ich hätte gleich auf meine Mutter hören können! Aber Kinder sind stur und müssen selber drauf kommen. Auch wenn sie bald 46 Jahre alt sind!
Ja, das ist wohl wahr: Alles was ich erlebt habe, all meine Entscheidungen, egal wie sie waren, machen mich zu dem, was ich bin. So wie ich bin, bin ich genau richtig, weil ich Ich bin. Leider vergißt man das im Alltagsleben oft schnell, wenn es einem nicht gut geht. Man zweifelt und hadert und fühlt sich minderwertig und schlecht. Danke für Deine wundervollen Artikel!
LG Ellen
Es tut immer gut zu wissen, dass es anderen genauso geht. Jetzt wäre es dann Zeit, für uns selbst so viel Verständnis, Geduld und Mitgefühl aufzubringen wie wir für die anderen empfinden!
Ja, wir müssen uns selbst der beste Freund sein. Und nicht nur den anderen. Nur wenn wir uns selbst ein bester Freund sein können, uns selbst lieben können, annehmen können, können wir dies auch weitergeben und bei anderen tun, ohne selbst etwas zu vermissen, ohne uns aussaugen zu lassen …
Liebe Morgengrüße
Ellen
Ach, du sagst es! Guten Morgen zurück!
LG Celia