Vor kurzem erinnerte sich meine Mutter, wie ich einst im Wohnzimmer stand, mit Tränen in den Augen, und sagte: “Ich will nie wieder so leben.” Es war nicht so sehr die Entbehrungen, sondern die ständige Angst davor, was noch passieren könnte, was wir noch verlieren könnten (z.B. unser Haus) – obwohl das nie geschah.
Als Kind hatte ich „Alles“ – dann verlor ich es durch die Scheidung meiner Eltern. Das wollte ich nie wieder erleben. Ich wollte nicht wieder einmal Alles verlieren. Heute las ich einen Artikel über die Angst. Angst ist ein Verhalten, das wir gelernt haben. Wir können uns damit auseinandersetzen und eine Besserung durch Verhaltenstherapie erzielen, aber anschienend bleibt die Gedächtnisspur im Körper. Diese wird wieder aktiviert, wenn wir mit dem Angstobjekt wieder konfrontiert werden.
Eine unserer vielfältigen Fähigkeiten ist die Generalisation. Da es eine Unmenge von Informationen und Reizen in unserer Umwelt gibt, die uns sonst überwältigen könnten, hilft uns unser Gehirn dabei, die relevanten Dinge auszusortieren. Durch Generalisation lernen wir, ähnliche Situationen/Objekte/Ereignisse usw. zu erkennen und entsprechende Copingstrategien zu entwickeln. Stellt euch vor, wir müssten jeden Tag frisch und ohne Vorinformationen anfangen! Manche befürworten diesen Zugang – anstatt immer auf der Basis fixer Voreinstellungen zu handeln. Für mich ist die Herausforderung, eine Balance zu finden. Ich will mich nicht täglich voll neu orientieren müssen, aber ich will auch nicht die Augen schließen mit der Annahme: Ich weiß eh was abgeht.
Generalisation kann uns helfen, Gefahrensituationen zu erkennen und darauf zu reagieren. In ständiger Angst zu leben in einer potentiell gefährlichen Situation ist ein ungeheuerlicher Stress. Meine Angst war so groß und dauerhaft, dass ich lernte, Konflikte lieber um jeden Preis zu vermeiden als konstruktive Lösungen zu suchen. Jene Angst setzte sich in neuen Lebenssituationen fort, die überhaupt nichts mit meiner Geschichte zu tun hatten. Doch agierte ich so, als wäre alles gleich geblieben. Oft projizierte ich Dinge auf meinen Mann und auf unsere Beziehung, die nichts mit uns zu tun hatten. Es war einfach eine Wiederbelebung bzw. Fortsetzung der Vergangenheit mit neuen Schauspielern.
Durch diesen langen Prozess und den Blick auf meine Lebensgeschichte, erkenne ich, dass ich stark und überlebensfähig bin. Ich erkenne auch, dass ich fähig bin, das Leben zu genießen. Einer meiner größten Wünsche ist, dass meine Kinder nie so leiden wie ich gelitten habe. Heute ist mir klar: Sie werden nicht so leiden. Ich bin stärker als meine Mutter damals war. Ich habe viel mehr Erfahrung als sie damals hatte. Und durch ihre Fehler habe ich auch einiges gelernt.
Jetzt habe ich den Beziehungs-Tiefpunkt erreicht und kann so nicht weiter machen. Egal welche Störung wir haben, der Tiefpunkt muss erreicht werden bevor wir bereit sind, uns zu ändern. Oft müssen wir mehrmals den Tiefpunkt erreichen. Das lernte ich während meines Kampfes mit der Bulimie. Letzte Woche rief ein Freund an und empfahl mir eine weltbekannte Paartherapie Methode auszuprobieren. Sie könnte uns helfen, die Beziehung zu retten. Oder sie hilft uns, die Beziehung möglichst konstruktiv zu beenden. Komischerweise gibt es so ein Zentrum nur 30 Minuten von hier entfernt! Das interpretiere ich als Zeichen und werde am Montag anrufen.
Was Haben vs. Nichthaben betrifft, ich meinte immer, ich werde eine Bohemien sein wenn ich groß bin. Das war mein Ziel als Jugendliche. Mein Lebensweg hat seither unglaubliche Wendungen und Verirrungen genommen, aber jetzt bin ich auf dem Weg zurück. Ich erlebte das Leben in der Not und ich erlebte das Leben im Wohlstand. Ab jetzt konzentriere ich mich darauf, die emotionellen und spirituellen Bedürfnisse zu erfüllen, ohne Rücksicht auf die materiellen Kosten. Bisher machte ich es genau umgekehrt. Jetzt habe ich das Gefühl, endlich erwachsen zu werden. Ich gehe zurück an meine Wurzel. Ich erkenne und begrüße den Menschen wieder, den ich bin. Ohne Angst.
Und was ist mit dir? Vielleicht kommt dir das eine oder andere Bekannt vor. Viel Glück! Du schaffst es!