Damals, in einem früheren Leben, war ich ein Kind, das in den 70iger Jahren aufwuchs. Als ich zehn Jahre alt war, waren meine Eltern noch zusammen. Wir hatten ein Haus mit einer Hypothek, ein neu erworbenes Zweitauto, und gehörten der Mittelklasse an. Diese Mittelklasse existiert heute kaum noch. Wir hatten genug zu essen, genug Gewand (und ich bekam immer wieder Sachen von meiner um zwei Jahre älteren Cousine, was mich immer freute), genug Bücher, und gingen regelmäßig ins Kino. Mama war eine glückliche Hausfrau und Papa hatte ein kleines Unternehmen.
Wenige Jahre später, trennten sich die Eltern und meine kleine Welt zerbrach. Bequemlichkeit wurde Unbequemlichkeit und ich lernte die Angst kennen. Kreditrückzahlungen wurden versäumt und es entstand eine Dauerangst, dass wir das Haus verlieren würden. Um Geld zu sparen, hatten wir nur zwei Stunden täglich heißes Wasser. Als 13-Jährige fantasierte ich, dass mein Wunschehemann genug verdienen würde, damit wir im Winter auf 20° heizen könnten.
Mit 15 Jahren hatte ich zwei Jobs. Damit verdiente ich Geld zum fortgehen, für Schallplatten, Gewand und sonstige Bedürfnisse. Ich hatte auch Bulimie und verbrauchte meine Ersparnisse für Essensbeschaffung. Meine Mutter glaubte schon damals fest an Reformkost und Bio, und gab dafür viel Geld aus. Sie weinte manchmal weil wir so viel aßen. Meine beiden Brüder wuchsen unaufhörlich und ich vernichtete große Mengen der teueren Lebensmittel wegen der Bulimie.
Im darauffolgenden Jahr verbrachte ich als Austauschschülerin ein Jahr im Ausland. Plötzlich hatte ich wieder eine intakte Familie, und ein gemütliches, warmes Zuhause. Das war ein Jahr des „Habens“ und es war wohltuend nach so viel Entbehrung. Inzwischen arbeitete meine Mutter und verdiente nicht schlecht. Aber der Schock der Post-Scheidungs-Armut (und die Depression meiner Mutter) saßen tief in meinen Knochen. Jedes Mal, wenn es mir gut ging, kam der unmittelbare Gedanke: „Aber für wie lange hält es?“
Nach dem Austauschjahr, fuhr ich nach Hause und übersiedelte nach Manhattan, wo ich mit Textverarbeitung gut verdiente. Obwohl ich das Glück hatte, eine gute Arbeit und eine leistbare Wohnung zu haben, verursachte meine Bulimie eine selbstinduzierte Armut. Mein ganzes Geld gab ich für Miete, Betriebskosten, Telefon und Essen aus. Oft war die Miete überfällig, wie auch die anderen Rechnungen. Das Telefon wurde ab und zu abgedreht, weil ich die Rechnung nicht rechtzeitig bezahlte.
In den frühen 80iger Jahren begann meine Gesundung. Dann sparte ich so viel wie möglich für das Reisen. Auf der ersten Europareise verliebte ich mich, und ich verbrachte die nächsten zwei Jahre damit, so oft wie möglich hin und her zu fliegen. Obwohl ich gute verdiente, wegen dem Reisen änderte sich mein alltäglicher Lebensstil kaum.
Als ich nach Europa übersiedelte, arbeitete ich als Babysitterin und wurde rückfällig. So lebte ich wieder in Armut, obwohl das Leben dort recht günstig war. Mit der Zeit kam die endgültige Gesundung und ich fand eine tolle Arbeit als Sekretärin in einer Botschaft. Statt mein Lebensstil zu verändern, sparte ich wieder, denn ich wollte in zwei Jahren mit dem Studium beginnen und nicht nebenbei arbeiten müssen. Manchmal litt ich unter diesen selbstausgesuchten harten Lebensbedingungen. Dann half es, ab und zu eine neue Hose oder ein Kleid zu kaufen. Meine Arbeit verlangte ein gewisses Auftreten und ich war mit meiner Gardarobe sehr kreativ – ich schaffte es, mit wenig auszukommen und wurde eine ausgezeichnete Schnäppchenjägerin.
Trotz den harten Jahren – sowohl selbstverursacht wie auch nicht – überlebte ich. Obwohl ich die üblichen Kindheitsträume von Prinzessin sein und Reichtum hatte, neigte ich nie wirklich dazu, viele Dinge haben zu wollen. Ich bin mit dem was ich habe zufrieden.
Während der Jugendjahre war ich hilflos und meine Welt war außer Kontrolle. Das setzte sich mit den Bulimiejahren fort. Meine glücklichsten Jahre waren die der Genesung. Ich teilte eine Wohnung mit einer Freundin, verdiente gut, ging abends in die Schule und freute mich auf das immer näher rückende Studentenleben.
Mein Freund studierte noch, als ich ihn kennenlernte. Irgendwann bekam er dann einen Job. Mit den Jahren wuchs sein beruflicher Erfolg. Wir heirateten, bekamen Kinder, und ich genoss es, genügend Geld zu haben, sodass ich beim Lebensmitteleinkauf nicht auf die Preise schauen musste. Das war der pure Luxus. Ich war eine glückliche Hausfrau und er hatte ein kleines Unternehmen.
Mein Ehemann versicherte mir, ich brauchte nicht zu arbeiten. Ich konnte mich auf das Studium und dann auf die Kinder konzentrieren. Für jemanden, der sich viele Jahre durchkämpfen musste, war diese Lösung nahezu paradiesisch! Fast zwanzig Jahre später, wird die Situation neu eingeschätzt und ich komme zu dem Schluss, dass ich auf die eigenen Füße stehen will. Finanzielle Sicherheit ist nett, aber sie ist nicht alles. Sie kann eine ungesunde Beziehung nicht kompensieren. Und weder hat einer mehr Rechte noch verdient er mehr Respekt, nur weil er das Geld nach Hause bringt.
Durch diesen geschichtlichen Abriss kann ich die Kräfte und Wirkungen, die mein Leben und meine Entscheidungen beeinflussten, besser verstehen. Die Angst kann uns dazu bringen, Dinge zu tun und Situationen zu akzeptieren, die uns schaden, auch wenn sie vorteilhaft erscheinen mögen. Wenn du dich wunderst, warum du gerade dort bist wo du bist, versuche es Mal, deine Geschichte zu schreiben – ohne Urteile. Vielleicht kommst du drauf, dass manche Muster sich wiederholen. Das könnte wertvolle Einsicht verschaffen. Möglicherweise kannst du dich selbst besser verstehen dadurch und vielleicht erkennst du, was du in deinem Leben verändern willst. Vielleicht hilft es dir sogar, diese Änderungen in Angriff zu nehmen.
Fortsetzung folgt…