Diese kurze Überschrift ist mehrdeutig. Ich bin von einer kurzen Reise wieder da, wieder bei der Arbeit, wieder bei meiner Familie, und wieder ich selbst. Das ist ein nie endender Prozess: das selbst wieder anzunehmen, das ich bin und unterwegs teilweise verloren ging. Übrigens, dieser Artikel handelt nur indirekt von der Bulimie. Die einzige Verbindung dazu ist, dass es nicht möglich wäre, folgendes zu berichten, wäre ich nicht gesund.
Ich war vier Tage unterwegs. Da ich in letzter Zeit ziemlich fix und fertig bin, fuhr ich mit dem Zug, damit ich mich entspannen konnte. Außerdem kostet die Fahrkarte weniger als mein Auto mit Diesel voll zu tanken. Mittwoch spielte Bob Dylan in Salzburg und das Konzert war Grund genug für diese Reise. Eine Freundin, die ich seit 4 Jahren nicht gesehen hatte, wohnt dort in der Nähe. Wegen der EM hatte ich kein Zimmer bekommen, dann fiel mir ein, dass sie dort ist. Sie traf mich am Bahnhof um mein Gepäck mitzunehmen, damit ich frei herum wandern konnte.
Somit durfte ich meine Lieblingsbeschäftigung nachgehen: ziellos herum wandern. Wie üblich, brachten mich meine Füße an besondere Orte. Ich ging durch die Steingasse und entdeckte die enge, versteckte Stiege zwischen den Häusern, die auf den Kapuzinerberg führt. Sie erinnerte mich an einige Stiegen in Florenz. Eine ganz besondere Stiege in Florenz ließ ich damals aus, weil weit und breit kein Mensch war, und ich fürchtete mich ein bisschen. Mir fiel auf, dass diesmal keine Angst vorhanden war. Vielleicht lag es daran, dass ich Deutsch spreche und mich dadurch weniger fremd und hilflos fühlte.
Ich stieg hinauf und kam irgendwann oben an. Nach einer schönen Aussicht auf die Stadt zur linken Seite, folgte ich der rechten Gabelung der Stiege und entdeckte den Stefan-Zweig-Weg. Eine Tafel an der Mauer informiert, dass er viele Jahre dort lebte – bis 1934. Dieser Weg war irgendwie passend, da ich gerade „Der Kampf mit dem Dämon“ von ihm lese, und früher einige seiner Bücher gelesen hatte. Ich fühle mich ihm sehr verbunden.
Der Weg führt durch einen Wald. Auf einmal kam ein Mann von einem Seitenpfad und überraschte mich, aber er war so tief ein seinen eigenen Träumen versunken, dass er mich kaum wahrnahm. Nach einer Weile, war ich mir nicht sicher, ob ich es rechtzeitig zurück in die Stadt schaffen würde, wo ich mit einer Freundin verabredet war. Da saß gerade die Frau auf der Bank, die ich vorher gesehen hatte, so fragte ich sie, wohin der Weg führt. Sie fragte nach meinem Ziel und beriet mich daraufhin, umzukehren.
Auf dem Rückweg sah ich die Büste von Mozart mit dem Spruch: „jung groß, spät erkannt, nie erreicht.“ Kurz vor der Stiege sah ich die Kapuzinerkirche, die ich vorher nicht gesehen hatte. Ich ging hinein und sah eine wunderbare Statue von der Mutter Maria vor einem Felsen – passend zu der Umgebung. Dort gab es Kerzen und davor auch ein Gestell zum Beten.
Das war sehr erfreulich, denn ich hatte mir eine Kirche gewünscht. Ich wollte Kerzen für meine Oma und für den verstorbenen Sohn eines Bekannten anzünden. Ich gab einen Euro in die Geldbüchse und zündete zwei Kerzen an, kniete mich hin, und betete. Während dessen dachte ich an meine Kinder, stand auf, gab wieder einen Euro ein, zündete noch zwei Kerzen an, kniete mich wieder hin und betete weiter. Dann schloss ich einfach alle ein, egal ob ich sie kenne oder nicht. Einzige Auswahlkriterium: Sie müssen Hilfe brauchen, egal welcher Art.
Ruhig und geerdet, spazierte ich hinunter in die Stadt, ging über die Brücke und fand das Café Glockenspiel, das nicht mehr so heißt aber glücklicherweise noch am selben Platz steht. Meine Freundin und ihr Mann kamen bald nach. Wir verbrachten einen angenehmen Nachmittag mit Kaffee trinken, spazieren, reden und essen. Es regnete plötzlich recht stark und wir beschlossen, in das nächste Lokal das wir fanden Zuflucht zu suchen. Doch vor dem nächsten Lokal hing eine rote Laterne, also müssten wir umdisponieren, obwohl es schon lustig gewesen wäre, hineinzuplatzen und sagen: „Wir suchen shelter from the storm!“
Das Konzert war wunderbar. Es macht einfach Spaß, Dylan bei der Arbeit zuzusehen und zuzuhören. Die Band war musikalisch gut drauf und er selber auch. Da mir seit meinem ersten Dylan Konzert in 1999 viel mehr von seinen Liedern vertraut sind, war dieses zweite Konzert viel beeindruckender. Danach wartete ich vor dem Eingang auf meine Freundin. Dort stand eine Frau die ebenfalls auf jemanden wartete, und wir hatten in 15 Minuten ein intensives, informationsreiches Gespräch, wie ich es nie für möglich halten würde! Als meine Freundin vorfuhr, verabschiedeten wir uns und ich rat ihr, auf das Patti Smith Konzert in Wien (im Juli) zu gehen. Vielleicht sehen wir uns wieder!
Der Besuch bei meiner Freundin war wirklich nett. Wir saßen noch eine Weile, tranken Wein und erzählten uns viel, während wir inoffiziell darauf warteten, dass ihre Tochter endlich nach Hause kommt. Wir entdeckten, dass wir viele ähnliche Erfahrungen in den vergangenen Jahren gemacht haben und der Austausch tat uns beiden gut. Ich bin wirklich froh, dass wir uns wieder gefunden haben, und werde bestimmt wieder vorbei schauen, wenn ich auf der Durchreise bin.
Es ist schön, wenn man auch nach Jahren die Freundschaft gleich aufgreifen kann, als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal getroffen. Ich schätze auch sehr, eine Freundin zu haben, die sich die Mühe macht, mein Gepäck abzuholen, damit ich frei herumspazieren kann, und dann so lange aufbleibt und mich vom Konzert abholt. Am nächsten Morgen gingen wir gemütlich frühstücken. Dann ging sie zur Arbeit und ich stieg wieder in den Zug und reiste weiter. Aber das ist eine andere Geschichte.
Habt keine Angst, dass das Leben langweilig wird, wenn man normal isst. Im Gegenteil, da fangt es erst richtig an, spannend zu sein.