Ist es noch nicht Sommer? Kann man noch den Winterspeck weg trainieren damit wir endlich die richtige Figur haben und zu leben beginnen können? Falls das zynisch klingt, dann liegen wir auf derselben Wellenlänge. Ich verschiebe gerne auf Morgen, was ich heute auch tun könnte. Viele Tage habe ich nicht bewusst erlebt, weil ich mich auf die Zukunft konzentrierte. Wenn ich heute nicht so viel zu tun hätte, würde es mich schon reizen, im Tagebuch nachzusehen wie oft ich schrieb: „In 3 Wochen, 2 Monaten,… was auch immer – ist [ein Ereignis], also bleibt mir so viel Zeit um abzunehmen, fit zu werden, usw.“ Komischerweise, glaube ich nicht, dass ich das Ziel je erreichte. Oder vielleicht doch, aber meine Gedächtnislücke ist ein guter Wichtigkeits-Indikator diesbezüglich. Oder wie oft nahm ich mir vor: „Ich muss nur soundso viele kg abnehmen und dann werde ich….“
Heute mache ich das nicht mit Gewicht oder Trainieren, aber ich neige dazu, meine Freizeit knapp zu halten, bis ich mit einem Projekt fertig bin. Das Problem dabei ist, ich habe einige Langzeit-Projekte, also handelt es sich um Monate und Jahre bis ich mich mit Freundinnen treffen dürfte! Diese Woche beschloss ich, ein paar Mal auszugehen. Es war sehr nett. Es tat mir gut, Pause zu machen, mich zu entspannen und mit anderen zu reden. Aber jetzt reicht es wieder für eine Weile – zurück an die Arbeit!
Das Leben findet jetzt statt. Das heißt, so wie ich jetzt drauf bin – auch körperlich – so bin ich eben. Jetzt in diesem Augenblick. Merkwürdigerweise begann mein Prozess der Veränderung (zum Guten, natürlich!) in dem Moment als ich mich akzeptieren konnte, so wie ich bin. Gerade jetzt bin ich in bester Form. Anstatt Dinge aufzuschieben bis ich „perfekt“ bin, lebe ich jetzt. Ich gebe mein Bestes und bin in Ordnung. Ich akzeptiere mich selbst.
Eine große Hilfe war die Erkenntnis, dass Veränderung ein Dauerprozess ist, genauso wie das richtige Essverhalten oder Fitness. Früher dachte ich, wenn ich fit bin und richtig essen kann, dann wird alles stimmen. Heute ist einfach mein Dauerziel, fit und gesund zu leben. (Aber ja nicht übertreiben!!!) Ich mache, was im Augenblick möglich ist. Manchmal trainiere ich zweimal die Woche, manchmal gar nicht. Manchmal plane ich ganz tolle Mahlzeiten, manchmal…
Samstag, zum Beispiel. Ich hatte am Abend zuvor eine Todesnachricht bekommen und war recht traurig. Am nächsten Tag war ich etwas abwesend. Ich hatte etwas Frühstück. Zum Mittag war meine Familie ausgeflogen, also musste ich nicht kochen und habe nicht ans Essen gedacht. Irgendeine Jause werde ich schon gegessen haben, und das Abendessen war auch nicht gerade aufregend. Mitten in der Nacht tat es mir leid, denn ich konnte nicht schlafen vor lauter Hunger. Ich stand auf, machte mir eine Tasse warmer Milch mit einem Schuss Amaretto und versprach, am nächsten Tag mehr zu essen. Das tat ich auch.
Meine Erfahrung zeigte mir, es geht nicht um das Brav- oder Schlimm-Sein, sondern um das, was funktioniert. Wenn etwas nicht funktioniert, dann suche ich nach einer Möglichkeit, es besser zu machen, um die Lebensqualität zu steigern. Nein, ich habe nicht alles genau ausgearbeitet, und auch nicht alle Lösungen. Bis heute sind meine Erwartungen an mich selbst recht hoch geblieben, und genau diese Erwartungen verursachen am meisten Ärger und Frust bei mir. Wenn ich es schaffe, mich zu entspannen und meine Grenzen zu akzeptieren, sind es gute Tage. Ist es nicht komisch, dass ich an solchen Tagen eigentlich die beste Leistung erbringe?
Wenn die Erwartungen und der Leistungsdruck hoch sind, weiß ich nicht, wo ich anfangen soll, fühle mich überfordert, und kann einen ganzen Tag mit Nichtstun totschlagen. Doch anstatt mich selbst zu rügen, akzeptiere ich solche Tage und gebe zu, dass ich vielleicht ab und zu einen freien, entspannten Tag einfach brauche. Im Leben geht es nicht ausschließlich um Leistung. Auch wenn du so bist wie ich, wenn du viel im Leben vermasselt hast und viel Zeit dadurch verloren ging, die du gerne wieder gutmachen willst, nimm es leicht. Eines nach dem anderen, Schritt für Schritt. Oft habe ich mehr Energie und bringe mehr vorwärts, nachdem ich mir eine ausreichende Pause gegönnt habe. Mehr als wenn ich durcharbeite.
Heute ist eindeutig ein langsamer Tag. Ich bin müde, habe in den letzten Tagen schlecht und wenig geschlafen. Auch wenn ich versuche, mich zu beruhigen und konzentrieren, schwirrt mir viel im Kopf herum. Heute ist ein guter Tag zum Wäsche waschen – da muss ich dabei nicht viel tun oder denken, und doch entsteht eine sichtbare Leistung. Es ist immer hilfreich, verschiedene Aktivitätsmöglichkeiten parat zu haben, um das momentane Energieniveau entsprechend zu nützen.
Oh, jetzt kam gerade eine Wahnsinns-Einsicht! Da ich es schaffte, so viel in meinem Leben falsch zu machen und viel Zeit zu verschwenden, und trotzdem gesund wurde, erweiterte diese Erfahrung meinen Horizont unheimlich. Ich lernte die Vielfalt des Lebens kennen. Das Leben ist ein Abenteuer, eine ganz persönliche Entdeckungsreise. Tja, und da die Kinder bald nach Hause kommen und essen wollen, mache ich jetzt eine Reise in die Küche und sehe nach, ob ich etwas Brauchbares entdecken kann, das eine Mahlzeit hergibt! (Wenn diese Expedition leer ausgeht, kann ich noch schnell etwas einkaufen.)