Warum hatte ich so lange Angst davor bzw. war ich nicht bereit, gesund zu werden? Klar, die Magersüchtige in mir wollte nicht dick werden. Die Bulimiekranke auch nicht. Aber um das ging es nicht wirklich. Sicher, es gab auch Ängste, dass meine Leute sich nicht mehr um mich kümmern würden, sobald ich stark und gesund bin. Doch waren das nicht die Faktoren, die meine Krankheit über so viele Jahre hinauszögerten.
Nein, das Hauptanliegen war die Angst davor, an mich und an das Leben zu glauben. Ich wollte nicht riskieren, dass ich schon wieder den Boden unter meinen Füßen verliere. Ich wollte nicht reingelegt oder verraten werden, wollte nicht über den Tisch gezogen werden – nur um danach darauf zu kommen, dass ich mich geirrt hatte.
Meine Hoffnung und das Versprechen des Lebens waren verblüht, sie wurden stets mit Ängsten statt Tränen berieselt, und diese hatten die Außenschichten meines Selbst weggetragen. Sie hatten schon das innerste Wesen in meinem Kern erreicht und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Diese Verletzungen und Kränkungen waren so tief, dass sie bis heute noch immer auftauchen, eine nach der anderen, und nach Wiedergutmachung und Heilung verlangen.
Ich lasse bewusst Details aus, denn jede von uns hat ihren Kreuz zu tragen, ihre einzigartige Geschichte und die Faktoren, die sie bis hierher gebracht haben, samt all ihrer gegenwärtigen Herausforderungen und Problemen. Es erfordert Mut, sich diesen Schwierigkeiten zu stellen, sich auf diesen Wagnis der Gesundung einzulassen, samt der Verletzlichkeit, der wieder ans Tageslicht kommt. Es ist wahr, dass Genesung das Risiko mit sich trägt, dass wir wieder verletzt werden, aber sie birgt auch die Möglichkeit, unserem Schicksal zu erfüllen. Jede von uns hat ihre wohlverdiente Bestimmung, die ihr zusteht.
Im Gesundungsprozess müssen wir manchmal einfach ruhig sitzen, uns fest halten und warten, bis die verrückten Gefühle verebben. Manchmal müssen wir weinen um etwas los zu werden. Manchmal brauchen wir eine Hand, die unsere festhält, während die Stimme dazu uns sagt, wie ein Mantra: “Es wird alles gut. Du bist in Ordnung. Du wirst es schaffen.” Vielleicht ist eine Hand zu wenig, manchmal brauchen wir Umarmungen auch.
Für diejenigen im Prozess, verschicke ich unterstützende Umarmungen und wünsche euch die Bereitschaft, diese von den lieben Leuten in der Nähe anzunehmen. Viele Menschen wollen Mut machen und die Gesundung unterstützen, aber sie wissen nicht wie. Ihre wohlgemeinten Ratschläge fallen auf tauben Ohren bzw. wir finden zahlreiche Erklärungen, warum diese Empfehlungen nicht zu uns passen. Aber eine nonverbale Demonstration der Unterstützung und Zuneigung kann viel bewirken. Ich bete dafür, dass ihr euch erlaubt, diese grundlegenden Notwendigkeiten einzufordern. Es sind wichtige Bestandteile des Lebens, nur haben wir das irgendwann verlernt und sie als Luxushandlungen eingestuft.