Das soll jetzt keine Predigt werden. Ich will nur eine Geschichte erzählen, die mich immer zum lachen bringt (über mich selbst). Da ich zur Spezie der Ess-Gestörten-Sapiens dazu gehöre, neige ich leicht dazu, zu überdramatisieren. Nach außen hin bin ich die Ruhe in Person, da würde niemand draufkommen. Aber insgeheim, in meinem innersten Herzen, bin ich eine Drama Queen.
Vor vielen Jahren an einem Freitagabend, erlebte ich einen Anfall von Selbstmitleid. Nein, bitte! Idealisiere mich nicht! Das war nicht die einzige Episode von Selbstmitleid in all den Jahren! Sie blieb mir einfach in Erinnerung. Also, die Kinder schliefen, mein Mann war fort (Geschäftsreise?), und ich beschloss, ein Glas Wein zu trinken. Dann schaltete ich den Fernseher ein. (Alarmstufe Rot! Ich schaue doch nie fern!) Auf MTV entdeckte ich ein trauriges Liebeslied. Oh, ja! Es ist alles schief gelaufen! Bleiben wir hier! Da nahm ich mir vor, mich zu betrinken, zu weinen, und sämtliche Fehlentwicklungen meines Liebeslebens zu bedauern.
Dann weiß ich nicht, was passierte. Bin ich aus meinem Körper heraus? Jedenfalls überschaute ich plötzlich die Situation. Und musste laut lachen. Das ist jetzt gar nicht so einfach zu beschreiben. Ich war einfach bereit, loszulassen und die Gefühle zuzulassen, in Selbstmitleid (und Wein) zu ertrinken, und die Traurigkeit in jeder Zelle meines Körpers zu spüren. Komischerweise, dauerte es nicht lange, da ich ja lachen musste. Es war zu perfekt — wie aus einem Film. Ich war die arme, leidende Heldin, alleine und verlassen. Da merkt man gleich, dass es schlimm ist, wenn ein Arte Fan sich von MTV mitreißen lässt.
Wie immer, gibt es einen tieferen Sinn. Durch das einfache Loslassen und die Erlaubnis zu jammern — und das aktive Ausleben dieses Leids — war es gar nicht so intensiv, wie ich befürchtete. Ich löste mich nicht in Luft auf, und das Leben ging sogar weiter! Sicher, es kann auch schlimmer sein, aber ich denke, Selbstmitleid hängt mit dem sich-zu-ernst-nehmen zusammen, und lässt wieder nach, sobald wir etwas Besseres zu tun haben.
Also, das nächste Mal wenn du Selbstmitleid wahrnimmst…übertreibe! Schäme dich nicht, sondern gib es dir! Es dauert bestimmt nicht so lange als wenn du dagegen ankämpfen würdest. Nach dem zweiten Glas Wein, ging ich ins Bett. Ich hatte mich durchschaut und dachte, “Wenn Millionen sich durch solche Lieder verstanden fühlen, dann bin ich wohl nicht die einzige, der es so geht.” Es gehört einfach zum Leben dazu.
Das ist ein einfaches Beispiel vom Loslassen. Anstatt ewig ein unangenehmes Gefühl zu bekämpfen, ergab ich mich. Und es war vorbei, fast bevor es richtig losging! Das heißt nicht, dass es immer lustig sein wird. Manchmal geht es um mehr. Manchmal leidet man wirklich. Es könnte auch sein, dass ich einmal zwei Flaschen statt zwei Gläser Wein brauche. Aber das glaube ich nicht, denn es ging mir überhaupt nicht darum, die Gefühle abzusaufen, sondern mich in den Gefühlen zu baden. Das ist ein großer Unterschied!
Egal, ich will nur damit sagen, manchmal loszulassen und den Gefühlen zuzulassen ist gar nicht so schlimm wie wir oft meinen. Uns mit Alkohol oder Drogen zu benebeln wirkt nur kurzfristig, aber sich richtig gehenlassen und losheulen, das tut gut! Außerdem bin ich am nächsten Tag eher friedlich und frisch, was ich am morgen nach zwei Flaschen Wein nicht behaupten kann. Das lohnt sich wirklich nicht. (Das hielt ich in meiner Jugend noch eher aus, aber ich bin ja nicht mehr die Jüngste!!)
Also, liebe Leserin, wenn du deine Gefühle zulässt und bereit bist, sie richtig gründlich zu spüren, brauchst du dich nicht mit irgendwelchen Substanzen (Alkohol, Drogen, Essen) zu betäuben. Im Gegenteil. Und jetzt höre ich auf, sonst wird das doch noch eine Predigt!
Gestern las ich einige alte Gedichte durch, während ich darauf wartete, dass meine Tochter nach Hause kommt. Bekanntes Phänomen: Man sucht etwas (Gedicht, Foto, Buch…) und verbringt Stunden damit, alle anderen anzuschauen.
Wie man sich erinnert
So oft lief ich dem Kummer davon
doch er quält mich wieder und immer wieder.
Sich um das Vergessen zu bemühen,
ist die sicherste Art,
sich zu erinnern.
Liebe …
Tausend Dank für deinen wunderbaren Blog. ich finde mich darin wieder. Noch vor einiger Zeit – als ich noch voll in der Bulimie war – hätte ich die Hälfte von deinen Worten wohl nicht verstanden oder nicht verstehen wollen. Jetzt sehe ich beide Seiten und ich finde, dein Thread sprüht nur so von positiver Energie und dem Willen, das Leben richtig zu durchleben und zu spüren – mit allem was kommt. Ich danke dir!!! Ich habe jetzt nur noch ab und zu Anfälle – die ich, “oh wunder”, sogar von selbst stoppen kann – und bald werden sie ganz weg sein. Was gibts schönerers, als morgens voller Kraft aufzustehen und das Leben mit all seinen Herausforderungen anzupacken. ich bin jetzt daran, die verlorene Zeit wieder gut zu machen und habe gemerkt, dass ich die Zeit einteilen muss und mir auch Entspannung und Ruhe gönnen muss und das klappt sehr gut.
Alles Liebe
Zola
Danke für deine Rückmeldung. Ich gratuliere dir! Das klingt wirklich super! Und du wirst sehen… die letzten Anfälle sind eher da um dich noch ein bisschen aufzurütteln, damit du achtsam bleibst. Wie du richtig sagst, irgendwann sind sie ganz weg, da du andere Möglichkeiten entwickelt hast, dein Leben zu leben. Und das heiß-ersehnte “allerletzte Mal” ist dann auch nicht mehr wichtig.
Entspannung und Ruhe sind ganz wichtig. Dein Körper und Geist müssen sich von den Strapazen erholen. Das mit der verlorenen Zeit ist manchmal schwierig. Ich merke, dass ich dazu neige, zu übertreiben, um die Zeit wieder gut zu machen. Aber es wird mir zunehmend klar, dass es nicht darum geht, etwas nachzuholen, sondern einfach hier und jetzt zu leben. (Manchmal leichter gesagt als getan:)) Im Moment bemühe ich mich, etwas mehr zu genießen und weniger zu arbeiten. Viel Glück!