Obwohl ich weiß, was bei mir das große Fressen früher auslöste, fragte ich eine andere. Sie antwortete: Stress und Sorge. Warum können diese Faktoren uns zum fressen verleiten? Wahrscheinlich hängt das mit Hilflosigkeit und Kontrollverlust zusammen. Wir wissen, dass wir das Unvermeidbare nicht verhindern können — sei es eine Krankheit, ein Unfall, plötzliche Entlassung, oder eine andere Krise.
Ich empfehle Meditation, oder einfach ruhig sitzen, mit geschlossenen Augen und eine Affirmation wiederholen. Zum Beispiel: “Alles wird gut. Ich muss nicht deswegen essen.” Oft sind es nur wenige kritische Minuten. Dann geht es wieder vorbei und man kann mit Erleichterung frei atmen (bis zum nächsten Mal!).
Aber ich will diese Angst genauer betrachten — zusammen mit der merkwürdigen Logik, der uns zum fressen verleitet. Für ein “Control Freak” wie mich ist es äußerst unbequem, potentiellen Kontrollverlust zu ertragen. Ein Fressgelage verwandelt die Situation und fügt eine weitere Perspektive hinzu: “Wäre ich nicht so sehr mit dem Essen beschäftigt gewesen… Wenn ich nicht solchen Kopfschmerzen von der Kotzerei hätte… Wenn ich nicht diesen Zuckerrausch hätte… — dann hätte ich vielleicht dieses oder jenes verhindern können.”
Oft passiert nichts, sondern wir fürchten uns nur vor potentiellen Krisen. Doch die Möglichkeit, uns selbst die Schuld zu geben, beruhigt. Denn so haben wir den Eindruck, wir hätten das Lenkrad in der Hand. Wir glauben fast, dass wir die Ereignisse kontrollieren können. Das Essen dient auch als ganz einfache Ablenkung. So gesehen, ist dieser selbst-zerstörerische Mechanismus eigentlich ein Selbstschutzmechanismus, der uns hilft, mit dem Angst vor dem Unbekannten umzugehen. Es gibt nur ein Problem: Er funktioniert nicht.
Das Leben birgt trotzdem Überraschungen, und nicht alle sind angenehm. Dennoch, irgendwann wurde mir klar, dass Wachheit, Aufmerksamkeit und Gesundheit mir eine bessere Chance bieten, mit Situationen fertig zu werden, als wenn ich mich mit Essen betäube. Ich habe trotzdem nicht immer einen klaren Kopf, aber seit ich keine Essstörung habe, ist es schon deutlich besser geworden!
Wir Ess-gestörten sind sehr sensible Menschen. Und manchmal ist das Leben unerträglich. Manchmal werden Menschen die wir sehr lieb haben krank. Manchmal sterben sie. Diese ist eine harte Realität, aber damit müssen wir leben. Eine weitere Realität ist: Dinge geschehen, unabhängig davon, ob wir essen oder nicht. Vor kurzem erfuhr ich, dass der Überlebenskampf eines Bekannten bald zu Ende sein wird. Dennoch bin ich zuversichtlich. Ich habe Hoffnung, Glaube und Vertrauen im Leben — trotz mancher Erscheinung. Meistens, zumindest. Aber es kommt schon vor, dass ich weine, das Kopfpolster mit dem Faust schlage und jammere, dass es nicht fair ist. Der Unterschied ist: danach geht es mir manchmal besser. Nach dem Fressen und Kotzen fühlte ich mich niemals besser — meistens eher schlechter.