Ich gebe zu, ich wollte die perfekte Mutter sein. Da ich jetzt mehr Erfahrung habe, reicht mir die Beschreibung „gut genug.“ So lange ich mein Bestes gebe, erfülle ich meinen Job. Während den ersten paar (10?) Jahren als Mutter, habe ich mich völlig verausgabt. Zum Glück erkannte ich, dass keiner davon profitiert, und änderte manche Abläufe.
Natürlich gibt es ein besonders wichtiges Thema: Essen. Mir war es ein Anliegen, dass meine Kinder keine Essstörung entwickeln. Wie? In dem ich sie zum Beispiel nie zwinge, den Teller leer zu essen – nicht Mal wenn nur ein Bissen übrig bleibt. Sie servieren ihr Essen großteils selbst, denn so lernten sie, Mengen und Bedürfnisse besser einzuschätzen. Manchmal tut es mir leid, dass ich nicht darauf bestanden habe, dass sie neue Sachen zumindest probieren müssen. Aber so ist es.
Ein Teil des Gesundwerdens ist, nett zu sich selbst zu sein. Das heißt, das Essen sieht gut aus, und wenn es warm serviert werden soll, wird es warm gegessen. Kalte, kindgerecht zusammen geschnittene Reste esse ich nicht. Reste sind Reste und ich bin kein Mülleimer! Meine Kinder auch nicht!
Mein Mann wuchs ohne Essstörungen und auch ohne Überfluss auf. Er neigt dazu, Reste auf zu essen. (Seine Eltern haben den II. Weltkrieg und Essensnot erlebt, so wurde er anders erzogen.) Er schlägt vor, dass die Kinder aufessen, aber mehr aus Gewohnheit. Ich schweige dazu. Die Kinder lassen sich nicht irritieren. (Das soll aber nicht bedeuten, dass ich Verschwendung gutheiße. Ich bin bemüht, die passende Menge im Voraus gut einzuschätzen und koche eher zu wenig als zu viel.) Mein Mann erwähnte schon die hungrigen Kinder in China. Letztens fragte mein Sohn: „Und was nützt es ihnen, wenn ich das aufesse?“ Jetzt scherze ich ab und zu: „Frag den Papa, ob er das aufessen will. Sonst schicke ich es nach China!“
Leider war ich etwas übereifrig mit meiner Erstgeborenen. Ich kochte Gemüse und pürierte es, aber übertrieb es mit den Karotten. Bis heute kann sie keine Karotten essen. (Damals hatte ich es noch nicht kapiert, wie wichtig Abwechslung ist.) Eigentlich mag sie wenige Gemüsesorten. Das finde ich schade, aber ich werde sie nicht dazu zwingen, sie zu essen. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages einen Freund hat, der gerne Gemüse isst. Man soll nie die Macht der Liebe unterschätzen! (Doch eine von ihren Lieblingsspeisen beinhalten hineingeschmuggelte Karotten, Zucchini und Zwiebel! Shhh!)
Ich habe ganz sicher einige Fehler gemacht, aber positiv gesehen: Ich habe beide Babys 9 oder 10 Monate lang gestillt, sie bekommen regelmäßige Mahlzeiten, und wir haben wenig Knabberzeug im Haus. Da sie jetzt Jugendliche sind, essen sie gerne ab und zu vor dem Fernseher – und manchmal weicht ihr Zeitplan von meinem ab, da sie am Wochenende mit Freunden unterwegs sind oder in ihren Zimmern, und kommen erst spätabends darauf, dass sie Hunger haben. Aber meistens essen wir gemeinsam. Wir haben keinen Fernseher im Essbereich, und der Radio bleibt zu Essenszeiten ausgeschalten. Für mich ist das Zusammensein wichtiger als das, was auf den Tisch kommt.
Meine Tochter hat eine Schwäche für Eiskreme. Dafür ist die Hitzewelle während der Schwangerschaft schuld. Kaltes Wasser in der Badewanne und Eiskreme in der Tüte waren eine Notwendigkeit zum Überleben! Sie ist auf jeden Fall eine Süße. Im Hause haben wir genug Süßes, dass man sich nicht arm vorkommt, aber nicht so viel, dass es zum Problem wird.
Mein Sohn ist diesbezüglich etwas einfacher. Er mag Gemüse und hat schon immer gut gegessen. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass er von Anfang an mehr Abwechslung hatte. Er mag auch Süßigkeiten, aber übertreibt nicht. (Komisch, während der zweiten Schwangerschaft war auch eine Hitzewelle, aber diesmal aß ich weniger Eiskreme.) Sein Verhalten versichert mir, dass ich nicht alles falsch gemacht habe bzw. viel mit dem Charakter einer Person zu tun hat. (Nicht nur bezüglich Essen!) Er ist sportlich und unkompliziert.
Kindern beim Essen zuzuschauen ist einmalig. Manchmal meint man, sie essen überhaupt nichts. Dann auf einmal verschlingen sie Unmengen und man kann ihnen beim Wachsen zuschauen!
Meine Tochter hatte die Tendenz, etwas zuzunehmen, und dann in die Höhe zu sprießen. Das war ihr Rhythmus. Sie ist nicht besonders sportlich. (Das hat sie von mir geerbt! Ich glaube, weil wir beide vor der Pubertät so schnell gewachsen sind, waren wir total unkoordiniert. Als Erwachsene habe ich viel mehr Spaß an Bewegung und Sport als in meiner Jugend.) Als sie 11 Jahre alt war, hatte sie wieder einen runden Bauch. Ich habe ganz unauffällig mehr Bewegung gefördert und weniger Kekse bereit gestellt, aber ich machte kein Theater daraus.
Einmal gingen wir mit Freunden essen. Meine Tochter wollte eine Nachspeise bestellen. Einer der Männer, der selber zugibt, ein Problem mit dem Gewicht zu haben, fragte sie (bestimmt wohlmeinend): „Willst du sicher eine Nachspeise? Sieh doch dein Bauch an! Willst du nicht auf deine Figur schauen?” Ich war wütend, aber konnte mich beherrschen. Ich sammelte die Wut in meinem Blick und gab zu verstehen, dass er das lassen sollte. Meine Tochter erklärte ihm das mit dem Bauch und dann in die Höhe wachsen, genau wie ich es ihr Mal erklärt hatte. Sie genoss ihre Nachspeise und lief hinaus, um mit den anderen Kindern zu spielen.
Als sie weg war, erzählte ich ihm, dass ich viele Jahre eine Essstörung hatte, und dass ich ganz sicher kein Problem aus einem etwas pummeligen, vor-pubertären Mädchenbauch machen werde. Ich bat ihn, in Zukunft auf solche Kommentare in ihrer Gegenwart zu verzichten. Die beste Voraussetzung für eine Essstörung sind Schuldgefühle wegen dem Essen, Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, und dann noch mit einer Diät zu beginnen. Ich gehe nicht ins Detail, aber so viel ich weiß, kämpft er noch immer mit dem Gewicht. Meine Tochter ist jetzt schon größer als ich, schlank und wunderschön. Und sie genießt nach wie vor ihre Nachspeisen ab und zu. Eine leichte Wölbung ist noch da, aber die wurde etwas weniger, seit ich sie zu Fuß gehen lasse und nicht mehr so viel herum kutschiere. Sie sieht gesund und normal aus.
Da fällt mir eine eigene Erfahrung ein. Als ich 13 Jahre alt war, klopfte mir ein männlicher Freund der Familie auf den Po und bemerkte meine weibliche Entwicklung (Kurven!!). Da war ich schockiert, mit meinem Körper unzufrieden, und es war mir sehr peinlich. Das habe ich nie vergessen.
Ich weiß noch, als meine Tochter im Kindergarten war, kam sie eines Tages nach Hause und fragte, ob ich meine Oberschenkel für zu dick halte! Ich war überrascht und antwortete, „Nein. Ich bin mit mir zufrieden, so wie ich bin.“ Ich habe mich sehr bemüht, diese Selbst-Akzeptanz vorzuleben, denn ich weiß nur zu gut, was wir von unseren Müttern übernehmen. (Meine war groß und schlank und immer auf Diät! Später wurde mir klar, dass sie Fressanfälle hatte und diese mit Fasten wiedergutmachte. Viele Jahre später gab sie zu, dass sie zu kotzen versuchte, aber es gelang ihr nie. Na, so was! Überrascht mich mein eigenes Verhalten als junge Frau? Nicht wirklich.)
Also, es ist nicht leicht. Als Mutter gebe ich mein Bestes, und dennoch muss ich auch noch mit den Einwirkungen von außen fertig werden, über die ich kaum einen Einfluss habe. Eigentlich bin ich mit dem Lauf der Dinge zufrieden. Ich habe ihnen vermittelt, dass das Essen eine angenehme Notwendigkeit ist, aber nicht übermäßig von Bedeutung. Das Essen ist kein Trostpflaster und keinesfalls ein Feind, wie ich es einst betrachtete. Ich bin zuversichtlich, dass sie es mit ihren Kindern noch besser machen werden, da sie eine gesündere Ausgangsbasis haben, als ich sie damals hatte. Rückblickend, würde ich schon ein paar Sachen anders machen, aber ist es nicht immer so im Leben?