Genauso wie es keinen einzigen richtigen Weg zu leben gibt, gibt es auch keinen perfekten Weg zur Gesundheit. Eltern können nicht verhindern, dass ihre Kinder Fehler machen (obwohl ich es schon versuchte!!!), und als ehemalige Bulimiekranke kann ich nicht erklären, wie es geht, gesund zu werden. Im Einklang mit den anonymen, 12-Schritten Programmen, möchte ich einfach meine Erfahrungen und Einsichten mitteilen. Vielleicht lösen sie in der Leserin etwas aus und bewegen sie dazu, ihren eigenen Weg zur Gesundheit zu entdecken. Manchmal ist es schwierig, unseren eigenen Weg zu finden, doch ist das ein Geschenk des Universums: Jeder von uns hat einen Recht auf seinen eigenen Weg! Mein einziger Rat: Suche Hilfe! Therapie lohnt sich und kann Lebensjahre retten!
Da ich von Natur aus stur bin, sobald mir jemand etwas erklärt, bin ich skeptisch. Ich ersticke bei zu vielen Regeln – egal ob echte oder nur eingebildete – und will meinen eigenen Weg finden. Zugegeben, ein gewisser Stolz lässt sich nicht verleugnen.
Vor Kurzem erkannte ich das Problem mit manchen meiner Lieder. Sie wiederholen sich und sind sehr vorhersehbar. (Das hat mir ein Experte auch schon gesagt, aber ich musste selbst darauf kommen!) Die Lieder brauchen mehr Abwechslung. Bei einem Spaziergang fiel mir ein, dass es manchmal die unerwarteten Wendungen sind, die ein Lied interessant machen, nicht ihre harmonischen Aspekte.
Da ich von Natur aus die Dinge gleich auf mehreren Ebenen betrachte, dachte ich mir: Es ist wie mit einer Beziehung. Perfekte Harmonie wird mit der Zeit langweilig und vielleicht sogar unauthentisch. Die weniger harmonischen Situationen sind eher diejenige, die uns wachen lassen und näher zusammen bringen. Oder es ist wie bei den Essgewohnheiten. Als ich anfangs gesund wurde, aß ich Monate lang immer das gleiche Frühstück und Mittagessen, da ich sonst überfordert gewesen wäre. Nach einer Weile, konnte ich mehr Abwechslung einbringen, und ich fühlte mich viel wohler!
Das findet man in vielen Aspekten des Lebens – auch bei der Arbeit oder in der Freizeit. Ich denke an die Studien, die Arbeiterproduktivität und -zufriedenheit untersuchten, im Hinblick auf Abwechslung bei den Aufgaben. Die Arbeiter, die verschiedene Tätigkeiten hatten, und mehr in der Gesamtproduktion eingegliedert waren, hatten höhere Zufriedenheit mit ihrer Arbeit. Wenn ich mich richtig erinnere, war die Qualität ihrer geleisteten Arbeit auch besser! Also lieber nicht nur eine sich wiederholende Aufgabe bei der Arbeit!
Das bringt mich zu den Bewältigungsstrategien. Da ist auch Vielfalt gefragt, da die Lebenssituationen und Herausforderungen unterschiedlich sind. Nach vielen Jahren mit der Bulimie, erkannte ich, dass diese Krankheit eigentlich eine Strategie für Stressbewältigung war! Sie half mir, mit einer sonst unmöglichen Situation fertig zu werden – der schrecklichen Scheidung meiner Eltern und der Zeit danach. Das sind Dinge, über die ein Kind keine Kontrolle hat.
Mein Therapeut sagte einmal, dass er verblüfft war, wie ich das alles so gut überlebt hatte. Das Problem war nur, als ich erwachsen wurde und endlich die Kontrolle übernehmen hätte können, mangelte es an Strategien! Ich hatte nur eine einzige in meinem Repertoire: Fressen und Kotzen! Neue musste ich nach und nach entwickeln.
Was tue ich mit Freizeit? Wie soll ich essen? Was tun mit Gefühlen wie Schmerz, Traurigkeit, Glückseligkeit, Aufregung, Enttäuschung, Freude, Nervosität, Hunger, Angst, Wut, Vorfreude…? Die Liste geht weiter. Ich fing an, einfach da zu sitzen. Oder ich aß immer die gleiche Mahlzeit, oder schrieb Tagebuch. Dann wurde das Repertoire erweitert. Ich lernte, spazieren zu gehen, ein Entspannungsbad zu nehmen, ins Kino zu gehen, Musik zu hören, und zu telefonieren. Viel später begann ich, Lieder zu schreiben. Die Möglichkeiten sind endlos.
Während dieses Prozesses, war es mir nicht wirklich bewusst, was ich tat. Mein Hauptziel war einfach: Nicht fressen, nicht kotzen. Daran wurde lange Zeit mein Erfolg gemessen. Als Studentin konzentrierte ich mich darauf, mich ohne Fressanfall auf eine Prüfung vorzubereiten. Die Prüfung zu bestehen hatte nur sekundäre Bedeutung. Es war ein Entwicklungsprozess in dem ich lernte, mein Leben zu strukturieren. Es half mir, Perfektionserwartungen und Versagensängste abzubauen. Mir wurde klar: Das Leben besteht aus viel mehr als nur eine Prüfung positiv zu bestehen.
In letzter Zeit, ging es mir nicht besonders gut. Ich war nicht rückfällig, sondern es ist einfach mühsam. Meine Gedanken driften zurück zu den anonymen Treffen, bei denen ich bald 25 Jahre nicht mehr anwesend war. Sie hinterließen dennoch einen bleibenden Eindruck. Ich erinnere mich an die Sprüche: Den Schmerz durchstehen, die Gefühle fühlen, akzeptieren und weiter gehen. Darum geht es noch immer! Es ist normal, schwierige Zeiten zu durchleben! Vor ein paar Tagen, ging ich in mein Zimmer, warf mich aufs Bett und weinte. Danach schaute ich einen Film an. Irgendwann kam mein Mann ins Zimmer. Ein Blick auf meine roten Augen und mein abweisender Wink genügten. Er strich mir übers Haar, ging hinaus, schickte die Kinder ins Bett und drehte alle Lichter aus. Nach dem Film ging ich ins Bett. Am nächsten Tag war ich friedlich, fast optimistisch! Und ich konnte mit ihm darüber reden – was am Vortag nicht möglich war.
Ich glaube, die schwierigen Situationen sind Geschenke vom Himmel. Sie geben uns Gelegenheiten, uns weiter zu entwickeln, zu erforschen und neue Strategien auszuprobieren. Wenn ich in einem Tief bin, bedanke ich mich beim Universum für noch so ein tolles Geschenk! Es baut mich nicht sonderlich auf, aber ein Lächeln bringe ich meistens zustande!