Grüße von der Achterbahn
16. Mai 2008 von cfandemils
Und wieder tauche ich hinauf aus den Tiefen. Es ist wirklich merkwürdig. Obwohl ich gesund bin, gibt es immer noch Gemütsschwankungen. Der Weltschmerz haut mich um, und die alltäglichen Irritationen geben ihren Senf dazu. Bald umschlingen mich diese dunklen, klebrigen Arme, nehmen mir die Luft weg und ziehen mich nach u-n-t-e-n. Vernünftig wie ich bin, und trotz meinem Erfahrungsreichtum, nimmt es mich ziemlich mit. Das Wissen, dass es wieder vorbei geht, hilft nicht wirklich, den Druck zu verringern.
Manche Dinge helfen. Ich schlafe viel, erwarte nicht zu viel von mir selbst, und akzeptiere, dass ich Mal eine Pause brauche. Es hilft auch, eine Freundin anzurufen, faul zu sein, den Sonntagnachmittag im Bett mit einem Buch zu verbringen, oder ins Kino zu gehen.
In letzter Zeit merke ich, dass der alte Dämon „Perfektion“ sich wieder in mein Leben hineinschleicht. (War er jemals wirklich weg?) Warum ist es so eine große Herausforderung, mein Leben einfach zu genießen? Zum Beispiel, vor einigen Tagen ging ich ins Tonstudio. Ich sollte nur einen Haufen Lieder vorspielen/singen, aus denen eine nähere Auswahl für die CD getroffen wird. Das bedeutet, ich hätte es entspannt genießen können. Was tat ich? Ich war nervös und besorgt, dass ich „schön“ singe und alles „gut“ klingt. Ein paar Mal verlor ich den Mut und dachte: „Der Arme! Was er sich täglich für einen Mist anhören muss!“ Was bringt das? Es ist ja seine Arbeit! Außerdem ist es dasselbe, wie wenn ich zu einer Therapeutin gehe. Ich bezahle nicht dafür, weil es mir gut geht und ich das Leben perfekt meistere. Sicher, manchmal will ich mich vorteilhaft präsentieren, aber um das geht es nicht. Der Tontechniker wird mir helfen, das Beste aus dem Material herauszuholen.
So, ich gehe hin, meine Stimme ist dünn und schwach, meine Finger zittern, und ich bin mit meinen Bemühungen frustriert und unzufrieden. Das ist doch lächerlich! Manchmal wünsche ich mir, ich wäre mit viel mehr Selbstüberzeugung zur Welt gekommen. Aber das bin ich nicht. Wenn das so wäre, dann hätte ich sicher nicht dreizehn Jahre meines Lebens einer Magersuchtsbulimie geopfert. Nein, stattdessen wurde mir eingetrichtert, dass jeder mich mögen muss, dass ich nett sein und jeden glücklich machen muss. Und es versteht sich von selbst, dass ich alles perfekt machen und beim ersten Versuch immer erfolgreich sein muss. Sonst bin ich kein guter Mensch.
Ich weiß, ich weiß. Wahrscheinlich denkst Du: „Was soll das? Du bist bald 46 Jahre alt! Reiß dich doch zusammen und kapiere doch endlich, dass es egal ist, was die anderen von dir denken! Seit 30 Jahren posaunst du das ja selber, und noch immer hast du dich nicht davon befreien können! Vielleicht ist das deine große Aufgabe im Leben – dir selbst treu zu sein, egal was kommt. Warum ist das so verdammt schwierig?“ Weiß ich nicht.