Wenn ich schreibe, will ich positive Energie ausschicken: „Alles wird besser! Fang heute an! Heute ist die beste Zeit für einen Neuanfang! Besser spät als nie!“ Aber es spielt sich nicht immer so wie ich will.
In letzter Zeit war ich ziemlich betrübt. Es trifft mich sehr, dass ich so viele Jahre mit der blöden Magersuchtsbulimie verschwendete. Und es dauerte noch viele Jahre nach dem Erreichen der körperlichen Gesundheit, mich emotional zu erholen. Jetzt weiß ich endlich wer ich bin und was ich will – und mit 45 Jahren muss ich einige Fehlentscheidungen ausbaden, die nicht unbedingt zu meinem Besten waren. Folgende Geschichte erzähle ich nur weil ich gehört habe, dass diese Problematik bei Frauen mit Essstörungen recht häufig vorkommt.
Es war einmal eine junge Frau, die verliebte sich in einen Mann, der sie nicht immer nett behandelte. Natürlich, hätte er das getan, hätte sie ihn für einen Trottel gehalten und gleich den Laufpass gegeben. Aber nein. Stattdessen schaffte er es gerade nett genug zu sein, gekoppelt mit genügend Kritik und Vernachlässigung, damit die Frau nie selbstzufrieden und sicher war. Sie bemühte sich immer mehr und sagte: „Wenn ich mir nur etwas mehr Mühe gebe, mich bessere, nicht mehr so schlampig bin, mit dem Rauchen aufhöre, alle anderen schlechten Gewohnheiten aufgebe, dann wird er nett zu mir sein.“ Manchmal war er auch nett.
Vielleicht musste sie 25 Jahre mit ihm verbringen, weil sie sonst so eine Geschichte nicht für möglich halten würde. Fast am gleichen Tag als sie mit ihm zusammenzog, wusste sie, dass es nicht gut gehen konnte. Aber sie gab sich selbst die Schuld, mühte sich ab, und schaffte es, hin und wieder in ihn „verliebt“ zu sein, und gab sich weiterhin die Schuld für alles, was nicht passte.
Nach zwei oder drei Jahren meinte sie: „Jetzt bin ich schon so lange mit ihm zusammen. Es ist doch zu spät, Schluss zu machen.“ Und doch glaubte und hoffte sie, dass sie eines Tages von ihm weggezaubert wird. Sie hätte es nie für möglich gehalten, dass es noch zwanzig Jahre dauern würde!! Na so was!!
Zwei Kinder und zehn Jahre später, konnte sie es nicht fassen, wie viel von ihrem ursprünglichen Selbst aufgeopfert wurde, um ihn und den Kindern glücklich zu machen. Anstatt zu gehen, verbrachte sie viele Jahre damit, ihr wahres Selbst zurück zu erkämpfen. Sie erschaffte ein zweites Leben – fing wieder zu schreiben an, las mehr, traf sich mit Freundinnen, ging ins Kino, lernte Gitarre spielen, schrieb Liedtexte, gab Konzerte, kaufte CDs und ging auf Konzerte. Wenn man dem Schein trauen kann, dann ist sie glücklich mit ihrem Doppelleben. Aber bekannterweise trügt der Schein. Ein solches Leben ist nicht authentisch.
Noch zehn Jahre vergingen. Sie stellte die Beziehung wieder in Frage, aber sie ging noch immer nicht. Ihr wurde klar, dass sie nicht jünger wird und das Leben an ihr vorbei fliegt. Das Leben ist tatsächlich zu kurz, das wahre Selbst zu leugnen!
Es kam zu einem langen Gespräch, wie sie noch nie hatten. Sie hatte Angst vor ihm gehabt und wollte seine Gefühle nicht verletzen – aber es ging so weit, dass sie sich selbst andauernd verletzte und verleugnete. Die Erkenntnis, dass die Angst nur ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit, die nichts mit ihm zu tun hatte, gab ihr den Mut, mit ihm über Alles zu reden. Sie war verblüfft, wie leicht es ihr fiel, mit ihm zu reden. Die Ängste entpuppten sich tatsächlich als irrational. Sie hatten nur ihre Entwicklung gebremst.
Die Beziehung ist noch immer am besten als „Tag und Nacht“ beschrieben. Es bestehen keine Erwartungen bezüglich Kompatibilität. Doch kann man etwas daraus lernen:
Wir müssen nicht immer einer Meinung sein.
Ich bin nicht für sein Glück verantwortlich.
Meine Familie kommt manchmal ohne mich gut zu Recht.
Harmonie um jeden Preis macht das Leben eintönig, stressig, und ist tödlich (ähnlich wie die Magersucht/Bulimie!!!).
Dinge zu besprechen und Konflikte nicht zu meiden, machen das Leben interessant, reduzieren Stress, und können überraschende Ergebnisse erzielen.
Manchmal würde sie gerne davon laufen und einen neuen Partner suchen, aber sie glaubt fest daran, dass die Konflikte, Ängste usw. jetzt konfrontiert werden müssen. Sie will lernen, angstfrei zu reden und zu leben. Wenn sie das jetzt nicht lernt, dann wird die nächste Beziehung auch daran zu Grunde gehen. So ist es naheliegend, die Möglichkeiten in dieser bestehenden Beziehung zu erforschen.
Es spielt eine Rolle, dass Kinder beteiligt sind. Die Scheidung der eigenen Eltern war ein Albtraum, den sie ihren Kindern ersparen möchte. Es war immer ihre Priorität, dass die Kinder beide Eltern haben. Doch war sie nie das Vorbild, das sie sein wollte. So glaubt sie, wenn sie jetzt die Situation in Angriff nimmt, sich durchzusetzen und Konflikte auszutragen lernt, kann sie manch unpassender Interaktionsmuster ausbessern und den Kindern mehr geben, als wenn sie einfach Schluss macht.
Ich werde aus dieser Geschichte lernen. Jetzt ist alles offen. Entweder wir lernen, gesund und konstruktiv miteinander umzugehen und bleiben zusammen. Oder wir lernen, gesund und konstruktiv miteinander umzugehen und trennen uns. Hauptsache ist, wir lernen, gesund und konstruktiv miteinander umzugehen. Das ist es, was ich für meine Kinder will. Und authentisch will ich sein.
P.S. Analytisch betrachtet, heiratete ich die Aspekte beider Eltern, die am meisten Ärger, Angst und Unsicherheit in mir auslösen. Ich angelte mir eine Autoritätsperson. Die Heilung kommt, wenn ich mich durch diese Themen durcharbeite. Mein Leben erinnert mich an den Teufelskreis einer Essstörung und den ersten Schritten zur Gesundheit: Heilung begann, als ich die alten, destruktiven aber vertrauten Verhaltensmuster loslassen konnte, und den Mut hatte, offen für neue Verhaltensmuster zu sein, ohne sie vorher zu kennen, und ohne vorher das Endergebnis zu wissen.
P.P.S. Warum teile ich das mit? Ich hoffe, dass jemand dadurch ein Aha-Erlebnis hat und dadurch einen Funken Hoffnung geweckt wird, der ihr den Mut gibt, etwas Zerstörerisches in ihrem Leben zu ändern bzw. loszulassen – sei es eine Essstörung, eine Beziehung, eine Arbeitsstelle, oder was auch immer. Ich glaube Shakespeare sagte: „Sei dir selbst treu.“ Wie üblich, ich habe nicht die Antwort. Das sind nur einige Gedanken, die im Kopf herumkreisen.
Gratuliere, Du bist eine tolle und Mutige Frau und Du hast das einzige erkannt, dass es zu erkennen gibt, den Partner wechseln bringt gar nichts, da musst Du durch. Aber er auch, er muss sich auch bemühen und auch, vermutlich einiges ändern.
Meine Frau und ich haben auch einige Kämpfe durch stehen müssen. Erst als sie von ihren Gefühlen sprach und wie sie sich fühlt, habe ich verstanden. Heute am 19. Mai sind wir 35 Jahre Verheiratet. Nur Mut das kommt schon gut.
Liebe Grüsse zentao
Danke! Es ist immer gut zu hören, wie es andere geschafft haben. Ich wünsche Euch alles Gute und einen wunderschönen Hochzeitstag! Liebe Grüße, C