Vor einigen Tagen bekam ich einen Kommentar von einer Frau, die anonym bleiben will. Sie erwähnte wie viel Zeit sie für ihre Essstörung aufbringt – um die Situation zu ermöglichen, Essensbeschaffung, wie sie ihren Tagesablauf um die Fressorgien (und das anschließende Kotzen) plant, auf wie viel sie wegen dem Essen verzichtet. Das löste einige Gedanken bei mir aus. Irgendwann bereute ich auch all die Energie und Zeit, die ich in meine Magersuchtsbulimie investiert hatte und dachte nach, was ich alles hätte schaffen können, wenn ich diese Energie für etwas Sinnvolleres eingesetzt hätte.
Aber ich will weder mich noch andere fertig machen mit solchen „du solltest… du hättest…“ Bemerkungen. Nein, stattdessen will ich von unseren bemerkenswerten Talenten sprechen. Ja, denk einmal nach, wozu wir fähig sind. Es gelingt uns über viele Jahre, Unmengen von Speisen heimlich zu beschaffen, die wir in unser Nest schmuggeln, verschlingen, und dann wieder loswerden. Dabei verwischen wir alle Spuren. Und ganz nebenbei sind wir fleißige Hausfrauen, aufmerksame Schülerinnen bzw. Studentinnen, zuverlässige Arbeitnehmerinnen, und liebevolle Mütter. Wir sind unglaublich geschickt und kreativ, und es gelingt uns, unsere Krankheit von den meisten Menschen zu verstecken. Natürlich, manche Menschen merken, wie dünn wir sind, aber die meisten sind so sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, dass sie sich nicht wirklich um andere kümmern oder Gedanken machen.
Als ich noch alleine in Manhattan wohnte, hatte ich einige Rituale herausgearbeitet. Ich wusste, wann die Türsteher Schichtwechsel hatten, und kaufte dementsprechend ein, damit keiner mitbekommt, dass ich öfter an einem Tag 4 Einkaufstaschen voll Lebensmittel nach Hause schleppte. Damals stellten wir unseren Müll vor der Wohnungstür. Meinen Müll habe ich immer ganz klein zusammen gefaltet, damit die Menge nicht auffällt. Wenn ich an den eigentlichen Essensablauf denke, bin ich auch beeindruckt. Die Lebensmittel suchte ich gezielt aus, geordnet nach Zubereitungszeit, damit ich gleichzeitig essen und kochen konnte, und ein weiterfolgendes Essen im Rohr hatte. Natürlich war die Beschaffenheit der Speisen ebenfalls von Bedeutung. Das war eine kleine Wissenschaft – ich wusste, welche Speisen sich am besten erbrechen ließen, und in welcher Kombination.
So, lobe Deine Talente! Du bist intelligent, kreativ und erfindungsreich! Du leidest auch sehr und hast es verdient, Hilfe zu bekommen. Nur weil Du so begabt bist, musst Du nicht alles alleine schaffen. Wenn Du Dir Hilfe organisierst, kannst Du lernen, Deine Begabungen zu Deinem Vorteil und Deiner Befriedigung einzusetzen! Viel Glück!