Die Überlegungen bezüglich Gewicht haben weitere Gedanken ausgelöst. Wenn man die Macht der Zahlen betrachtet, ist es eigentlich verrückt. Wie viele Jahre stieg ich mehrmals täglich auf die Waage, um mein Gewicht zu kontrollieren? Jene Zahlen haben über meinen Selbstwert entschieden! Früher zählte ich auch Kalorien — jene merkwürdige Zahlen die bestimmten, ob das Essen gut sei oder nicht, und ob ich brav war oder auch nicht.
Es gibt noch andere Zahlen, die anscheinend über unseren Wert richten: das Einkommen, der Wert des Hauses oder des Autos… Wir versuchen, unseren geringen Selbstwert mit symbolischen Zahlen aufzupeppeln. Dadurch übertragen wir diesen Zahlen eine unglaubliche Macht über uns selbst. Wir mühen uns täglich ab um bestimmte Ideale zu erreichen. Doch bleiben sie unerreichbar, denn sobald wir in ihre Nähe kommen, werden die Zahlen nach oben (bzw. nach unten, je nach Situation) geschraubt. Es kann sich in eine Sucht ausarten. Da passt schon wieder das Lied von den Toten Hosen hierher! (siehe: Bulimie und Hausarbeit: Teil I Sie wissen wirklich, worum es geht!
Konfektionsgrößen sind auch nur Zahlen. Denk einmal nach. Wozu sind sie gut? Ihr Zweck ist es, uns behilflich zu sein, damit wir nicht jedes Stück an der Stange anprobieren müssen. Ob 34, 36, 38, 40, 42, 44… ist egal. Diese Zahlen sind nur eine Orientierungshilfe. Sie bestimmen doch nicht meinen Wert als Mensch! In der Zeit als ich das erste Mal stark abnahm, schweifte mein gieriger Blick zu den “Small” Größen. Ich hoffte, dass sie mir eines Tages passen würden. Jetzt weiß ich, dass meine Größe von 173 cm niemals “klein” entsprechen wird!
In meinen spindeldürren, zahnstöcher Tagen, traute ich mich nicht mehr, Gewand einzukaufen. Ich wusste meine Größe nicht, und wollte vermeiden, dass andere das merken. (Nicht, dass ich viel Geld für Gewand übrig hatte. Das meiste Geld gab ich für das Fressen aus!) Doch bin ich genauso schuldig, mit meiner Kleidergröße anzugeben, als eine kräftige Frau neben mir stand. Welche krankhafte Genugtuung hatte ich damals! Als wäre ich besser als sie! Jetzt akzeptiere ich mich selbst, so wie ich bin, und habe es nicht mehr nötig, mich mit anderen Frauen zu vergleichen. Im Gegenteil, ich genieße die Gesellschaft anderer Frauen und schätze jede einfach so, wie sie ist, ohne zu beurteilen.
Ich gebe anderen Menschen nur ungern Macht über mich. Die Vorstellung, dass Zahlen diese Macht über mich hatten, ist noch schlimmer. Als Jugendliche und auch noch als junge Frau, las ich meinen Selbstwert aus den Augen anderer ab. Er war eine Variable, die nichts mit mir zu tun hatte. Das war eine erbärmliche Existenz, und die Zahlen waren keine große Hilfe. Ich habe immer das Schlimmste angenommen. Genau dieser Wunsch, zu gefallen, verursachte eine immens übertriebene Bereitschaft, mich zugunsten eines vorherbestimmten Bildes, einer Größe oder einer Zahl in einen Menschen zu verwandeln, der nichts mit mir gemeinsam hatte.
Da ich für Verschwörungstheorien anfällig bin, meine ich hier auch eine zu erkennen. Die Wichtigkeit der Zahlen bezüglich Gewicht und Kleidergröße wird den Frauen eingetrichtert, um sie unter Kontrolle zu halten. Kannst du dir vorstellen, die Wucht der Energie, Kreativität und Macht die freigesetzt würde, wenn Frauen damit aufhören, so viel Zeit und Energie für diesen Zahlen aufzuopfern? Wow!
Ich habe noch viel Wut in mir: Wut auf mich selbst, weil ich so lange mit der Selbstzerstörung mitmachte. Wut auf meine Umgebung, die diese künstlichen, oberflächlichen Ziele förderten. Dadurch habe ich jede Menge Mist in diesem Leben gebaut. Ich schädigte meinen Körper, verriet mich selbst, erinnere mich kaum an meine Jugend oder mein Leben als junge Frau. (Gott sei Dank habe ich die Tagebücher geschrieben! Sie schenken mir viele Erinnerungen.)
Es stimmt, ich vertraue dem Universum, und ich bin verdammt fleißig dabei, das Beste aus dem Rest, was mir übrig geblieben ist, zu machen. Aber manchmal könnte ich brüllen und heulen. Doch, lasst uns das Gesamtbild nicht vergessen. Alles passiert aus einem bestimmten Grund und am Ende wird es einen Sinn ergeben. Denke daran: Das Leben findet jetzt statt. Wir können es jetzt für uns beanspruchen und genießen. Und ich will endlich etwas Spaß haben!