Das Gewicht
10. Mai 2008 von cfandemils
Ich wollte gerade zu Abend essen, da schriebe ich aber jemandem über das Gewicht und jetzt möchte ich gerne noch etwas darüber schreiben. Die hintergründigen Probleme der Bulimiekranken bzw. Magersüchtigen drehen sich um etwas anderes als das Gewicht. Ich weiß noch, ich wollte dünn und gewichtlos sein, weil das kindlich war, und das Kindsein mir fehlte. Das Leben als Kind war viel leichter — zumindest im Nachhinein. Und doch ist das Gewicht ein wichtiges Thema, neben anderen Themen wie lieben lernen, vertrauen aufbauen, vergeben können, nachtrauern können, … und leben lernen. Du kannst Deine eigenen Themen dazu denken. Das waren meine Hauptthemen.
Ich hatte lange nicht daran gedacht, aber eben, jetzt doch wieder. Normalerweise meide ich es, Gewichtszahlen zu erwähnen, da wir alle miteinander konkurrieren. Aber ich wage es heute, harte Zahlen hinzuschreiben. Doch bevor ich das tue, sage ich ganz ehrlich, dass ich noch immer schlank bin und mir mein Äußeres nicht egal ist. Ich bin sogar (fast) eitel! Ich glaube nicht, dass ich es ertragen könnte, übergewichtig zu sein. Gesund zu werden bedeutet nicht, sich gehen zu lassen oder dass Dir Dein Aussehen egal wird. Nur kümmerst Du Dich anders. Für mich bedeutet das, mein Normalgewicht zu akzeptieren — ein Gewicht, das ich mir nicht aussuchen durfte. Mein Körper hat es selber ausgesucht.
So, jetzt die Zahlen. Ich schreibe kein Gewicht hin, sondern nur vergleichende Zahlen. Während meiner letzten schweren rückfällig-aber-gesund-werden-wollend Phase, hatte ich circa 3 kg mehr als zu meiner schlimmsten Haut-und-Knochen Phase. Damals meinte ich, mein Idealgewicht zu haben. Ich wollte gesund werden und dieses Gewicht beibehalten. Da es zu wenig war, war ich noch am Verhungern, so waren die Fressanfälle unvermeidbar. Ich hatte auch Schlafstörungen. Jetzt — stellt Euch das vor — habe ich fast 10 kg mehr als das damalige Idealgewicht. Und ich bin noch immer schlank!!! (Aber nicht übertrieben schlank.) Diese Zahlen hauen mich einfach um!
Ich will nicht damit angeben, dass ich jetzt so viel mehr Gewicht habe, sondern es als Notwendigkeit hinstellen. Wie oft, als ich noch krank war, wünschte ich mir, mein altes Gewicht wieder herbei zaubern zu können. Die Realität des Zunehmens war einfach unerträglich. Es war schrecklich. Zuzunehmen bedeutete, die Kontrolle aufzugeben, und damals wollte ich alles unter Kontrolle halten. Doch damals genügte nur ein Blick in den Spiegel, schon hatte ich 5 kg zugenommen! Beim ersten Blick dachte ich, “Ach, ich bin schlank.” Dann schaute ich genauer hin und “erkannte” mein ekelhaftes Übergewicht. Ich ließ keine Gelegenheit aus, mein Spiegelbild anzusehen — ob im Spiegel oder in einer Auslage reflektiert. Ich hoffte immer, dass ich sehen würde, wie ich “wirklich” aussehe, aber es gelang mir nie, mich zu sehen. Nicht, bis ich in mich hineinschaute, und mein Inneres herausließ.
Wahrscheinlich war mein Aussehen so wichtig, weil ich das Gefühl hatte, mein inneres Ich war so häßlich und deformiert, dass es keiner ertragen könnte. So versuchte ich, das furchtbare Innenwesen durch das Dünnsein zu kompensieren. Ich weiß, das ist eine merkwürdige Logik, aber so dachte ich damals.
Erst als ich mich ergab und beschloss, zu essen, alles zu tun was für das Gesundwerden nötig war, und auf die Kontrolle zu verzichten, konnte ich das Gewicht wieder zunehmen. Was auch immer mein Körper wollte, das würde ich akzeptieren. Auf ein Mal wollte ich unbedingt leben, so wurde mein Körper in ein anderes Licht gerückt. Anstatt mich zu definieren, sollte er stark sein und mich herumtragen. Jetzt mag ich meinen Körper. Ich schaue in den Spiegel und es gefällt mir, was ich vor mir sehe. Ich fühle mich wohl. Ich bin ich, und das fühlt sich genau richtig an. Und jetzt will ich endlich mein Abendessen machen!