Der vorige Artikel war schon lang genug. Dennoch gibt es noch ein paar Bemerkungen, die einfach gemacht werden müssen. Der Gedanke, dass uns die Arbeit nicht davon rennt, ist sehr wichtig. Ob ich täglich abwasche, oder erst am Wochenende, die Arbeit ist ungefähr gleich. Ob ich mein Verhalten in der Beziehung heute ändere oder nächste Woche, im nächsten Monat oder erst nächstes Jahr, ist auch irgendwie egal. Sicher, es muss getan werden, aber wenn momentan viele andere Dinge im Vordergrund stehen, muss es warten.
Beziehungsweise, manchmal bin ich psychisch weniger gut drauf, so etwas in Angriff zu nehmen. Dann lass ich es doch lieber, wenn ich mich schwach fühle. Dennoch finde ich es nicht ratsam, die Dinge endlos zu verschieben, denn das macht mir auch Stress. Irgend ein Mittelding muss es geben. Oder hängt es vom Typ ab?
Manche Leute arbeiten gut und gerne konstant, andere lassen viel zusammen kommen, dann wird ordentlich aufgeräumt. Ich denke es würde gut tun, den eigenen Typ anzuerkennen und damit in Frieden zu leben. Ich bin halt schlampig und lasse den Haufen lieber wachsen. Nicht weil ich tatenlos zuschauen will, sondern weil es für mich wichtigere Dinge gibt! (Zum Beispiel: lesen, Gitarre spielen und Lieder schreiben.) Sich mit einem schlechten Gewissen zu stressen, bringt nichts. Deshalb möchte ich empfehlen, sich nicht schlecht zu machen, wenn du die eigenen (meist hochgesteckten) Erwartungen nicht entsprichst bzw. erfüllst.
Da komme ich zu den Wörtern, die ich am wenigsten mag: sollen und müssen. Die verursachen nur Stress und Widerwillen (bei mir). Je stärker die Worte in mein Bewusstsein drängen, umso tiefer sinkt meine Bereitschaft, etwas zu tun. (Ich habe eindeutig ein Autoritätsproblem, das ich mit Passiv-Verweigerung bekämpfe!) So komme ich wieder zu der Bulimie. Viele Jahre lang war ich der Meinung, ich sollte und müsste etwas unternehmen, um gesund zu werden. Klappte das? Nein. Ich hatte nur ein schlechtes Gewissen – mir gegenüber und denen, die mich lieb hatten und mitleideten.
Irgendwann änderte ich meinen Zugang zu der Sache. Langsam wurde mir klar, dass ich gesund werden WOLLTE. Es war tatsächlich eine Frage des Wollens. Da fiel es mir leichter, etwas zu unternehmen. So wurde ich auch gesund.
Manche brauchen Regeln, um sich zu orientieren. Andere nicht. Heraus zu finden, wie und wer ich bin, tut einfach gut. So kann ich harmonischer mit mir selbst leben und mein Leid reduzieren. Viele von uns verbringen viel Zeit und Kraft um gegen sich selbst anzukämpfen. Das ist schade, denn sie könnten viel besser und lebensbejahender eingesetzt werden.
So bleibt mir nur noch ein Herzensanliegen. Das hängt auch mit Bulimie und Hausarbeit zusammen: Freizeit. Mit unserer Freizeit umzugehen ist eine Kunst. Als Bulimiekranke verbrachte ich meine Freizeit im Supermarkt, in der Küche, und mit dem Kopf über die Toilette. Klingt nicht besonders nett, und das war es auch nicht. Heute verbringe ich meine Freizeit mit Dingen, die mich freuen. Nur manchmal kommt meine Freizeit zu kurz. Ich bin nämlich selbständig, das heißt: freie Arbeitseinteilung. Während es mir leicht fällt, das Putzen zu verschieben, ist es anders mit der Arbeit. Oft will ich nur noch dies und jenes Tun, und dann ist der Tag schon wieder um. Ich schaffe es doch nicht, eine Freundin anzurufen, einen Treffen auszumachen, ins Kino zu gehen, ins Fitness Center oder einfach spazieren zu gehen.
Hierzu ist ein neuer Absatz notwendig, denn dieses geheime Wissen will gemerkt werden! Die Freizeit unterscheidet sich dramatisch von der Arbeit und der Bulimie. Wenn sie nicht beansprucht wird, verschwindet sie auf immer und ewig – wie ein Regenbogen. Den sehe ich nur, wenn ich hinschaue.
(Und deshalb ist mein Buch noch nicht fertig: weil ich mich bemühe, hinzuschauen!!)