Bulimie und Hausarbeit: Teil I
9. Mai 2008 von cfandemils
Manche von euch werden sich fragen, “Was hat Bulimie mit Hausarbeit zu tun?” Na ja, als ich in meiner schlimmsten Bulimie-phase war, wohnte ich alleine in Manhattan (das war das Gute dran). Ich hatte es gerne nett in der Wohnung, aber meistens widerspiegelte sie genau, wie es in mir aussah. Und während den besonders Bulimie-intensiven Zeiten, sah es aus, wie nach einem Bombeneinschlag. Hinzu kommt die depressive Stimmung, die für jede Arbeit nicht gerade förderlich ist.
Dennoch, ab und zu raffte ich mich auf, die Wohnung aufzuräumen und zu putzen. Oft dauerte es bis spät in der Nacht, bis ich so weit motiviert war, anzufangen. Das hatte etwas märchenhaftes an sich - als wäre ich eine Putzelfin, die David Bowie, The Doors und Patti Smith Schallplatten bei der Arbeit hörte. Und am nächsten Tag, als ich aufwachte, sah alles so schön aus - eben weil in der Nacht eine Elfin am Werk gewesen war!
Wenn ich dann einmal angefangen hatte, kam meistens der Gedanke: “Das ist ja gar nicht so schlimm! Ich könnte doch öfter/regelmäßiger putzen, dann wäre es nicht so viel Arbeit.” Tat ich das? Natürlich nicht! Ich hielt mich meistens nie an das, was ich mir vornahm. Deshalb hörte ich schon vor Jahren damit auf, zum Silvester mir irgendetwas vorzunehmen. Sinnlos.
Mit zunehmender Gesundheit, wurde auch meine Wohnung ordentlicher. Das ging Hand in Hand. Dann zog ich zu einem sehr ordentlichen, sauberen Freund, dem es teilweise gelang, mich umzuerziehen. Ich sage nur teilweise, weil es meinerseits mit einer undefinierbaren Angst zusammenhing. Ich hielt Kritik schwer aus (damals) und bemühte mich umso mehr, die Wohnung sauber zu halten. In letzter Zeit ist mir das einfach zu blöd geworden. (Vielleicht weil ich es endlich kapiert habe, dass ich SO WIE ICH BIN liebenswürdig bin! Ich muss einen Mann nicht mit einer sauberen Wohnung beglücken, damit er mich lieb haben kann!) Als 45-Jährige muss man sich doch nicht so anpassen, dass man nicht mehr der Mensch ist, der man eigentlich ist. Jetzt nehme ich das ganze etwas lockerer, und komischerweise regt er sich gar nicht auf, wie ich es immer befürchtet hatte. Er hält mich auch nicht für einen schlechten Menschen. Vielleicht meinte er sogar, ich wollte mich bessern, weil ich mich so angestrengt hatte. Dabei hatte ich nur Stress.
Es kam so weit, dass ich immer froh war, wenn er weg fuhr. Dann konnte ich aufatmen, und so leben, wie ich wollte. Einige Jahre war er geschäftlich viel unterwegs, manchmal ganze Wochen. Mit der Zeit begann ich, gar nichts zu tun, dann gegen Ende der Woche kam eine Depression, da ich merkte, die Zeit wird knapp und ich sollte endlich anfangen. Es war schlimm. Einmal sprach ich mit einer Freundin darüber. Sie meinte: “Dann putz nicht. Wenn er kommt, sage nichts, oder sage, dass du nicht dazu gekommen bist. Fertig.” Das probierte ich aus, und es war wirklich kein Problem!
Jetzt mache ich meistens das Nötigste, und hier und da nehme ich mal etwas Größeres in Angriff. Fensterputzen stand schon lange an. Ich halte mich an den Mond, da es sehr gute Tage gibt, zum Fensterputzen. Allerdings, da bleibt die Auswahl/Flexibilität nicht so groß. Manchmal habe ich keine Zeit, das Wetter ist schlecht, ich habe Besuch, oder ich habe schlicht und einfach gar keine Lust. Gestern hörte ich im Radio, wie die Sprecherin sagte, heute sei ein guter Tag zum Fensterputzen. Das interpretierte ich als Zeichen.
Es dauerte bis am späten Nachmittag, bis ich so weit war. Zuerst musste ich Kaffeetrinken, Schreiben, Mittagessen kochen, und aufräumen. Hinzu kommt, ich habe ein neues Lied geschrieben/komponiert, und vor lauter Begeisterung musste ich dieses ungefähr 20 Mal spielen. Und ich musste warten, bis die Sonne nicht direkt hinknallte, denn das ist auch ungünstig. Gegen 16 Uhr war es endlich so weit. Siehe da - mit etwas guter Musik und der richtigen Einstellung (”Ich fange einfach an.”), ging es ganz leicht. Das ist oft so. Manchmal geht die Arbeit fast mühelos vor sich, und manchmal klappt es nicht, oder dauert ewig. Gestern war perfekt. Ich nahm mir die Zeit, genoss die Musik, hatte es nicht eilig, und war in Gedanken verloren.
Die Bulimie in den Griff zu bekommen erfordert einen ähnlichen Prozess. Man muss einfach dazu bereit sein und sagen, “Ok, ich fange einfach an.” Das ist der erste Schritt. Das ist mit vielen Dingen so. Nur weil die Bulimie zu meiner Vergangenheit gehört, bedeutet das nicht, dass ich keine Probleme und keine Sorgen mehr habe. Im Gegenteil! Inzwischen meine ich, die Bulimie zu bewältigen war nur der Anfang. Da lernte ich nur, wie ich etwas angehe. Es gibt immer wieder eine neue Herausforderung. Darüber habe ich schon geschrieben.
Aber was ich eigentlich sagen will, ist das: Die Bulimie und die Hausarbeit und sonstige Dinge, die erledigt werden sollten, werden uns nicht davon laufen. Ich neige dazu, mir einen Stress mit dem “Unerledigten” zu machen. Alles braucht seine Zeit. So will ich mir jetzt keinen Druck machen. Es ist eine Sache der Einteilung und Bereitschaft. Ich bleibe einfach dabei und mache jeden Tag das, was ich kann - in vollem Bewusstsein, dass morgen auch noch ein Tag ist, und alles nicht heute erledigt werden muss.
Fortsetzung folgt…
Übrigens, wer es wissen möchte, welche Musik sich beim Putzen sehr gut eignet, dem verrate ich es. Patti Smith (noch immer), Red Hot Chili Peppers, und am liebsten höre ich…
Die Toten Hosen