Heute denke ich wieder über das Leben nach. Wie das Gesundwerden, auch das Leben ist ein nie-endender Prozess. Immer gibt es etwas zu erleben, erfahren, lernen, verstehen, erforschen, entdecken. So geht es mir auch. Es ist fast unheimlich. Als ich 25 war, dachte ich mir: “Ich werde bald 26. Die Bulimie fing ich mit 13 an. Wenn ich weiter mache, dauert diese Krankheit mehr als mein halbes Leben.” Das hat gesessen, und ich fand die Kraft, Offenheit und Entschlossenheit, meine Magersuchtsbulimie ein für alle Mal zu beenden. Und ich betone es wieder, denn man kann es nicht oft genug sagen: Nicht von heute auf morgen. Das für sich war auch ein Prozess.
Was hat das mit heute zu tun? Tja, heuer werde ich 46. Ich bin mit 23 zu meinem Freund (jetzt Ehemann) gezogen, sogar seinetwegen von meiner Heimat ausgewandert. Ab 40 bin ich immer stärker und selbstbewusster geworden. Ich merke, das Leben ist wirklich kurz und ich werde älter. Ich überlege jetzt mehr, was ich mit meiner Zeit anfangen will, mit wem ich zusammen sein will. Und ich merke zunehmend, dass ich mit der Beziehung einfach nicht zufrieden bin. Nein, ich bin sogar unglücklich und will nicht mehr.
Schön langsam wird mir klar, dass es wieder ein Entscheidungspunkt wird. Ab 46 verbringe ich mehr als mein halbes Leben mit ihm. Will ich das? In dieser Form sicher nicht. Momentan bin ich enttäuscht, widerwillig, wütend und manchmal einfach überfordert. Als würde er meine innere Entschlossenheit spüren, die Dinge in Ordnung zu bringen und zu gehen, ist er jetzt besonders nett und aufmerksam geworden. Jetzt benimmt er sich, wie ich es mir schon immer gewünscht habe. Doch jetzt ist es zu spät. Ich will nicht! Ich mag nicht! Das ist mir viel zu mühsam.
Heute frage ich mich: Ist er jetzt nur nett, weil er mich behalten will? Wird er sich dann wieder zurück ändern, wenn er wieder sicher ist, dass ich bleibe? Gelingt es mir jetzt zum ersten Mal in meinem Leben authentisch zu sein, weil er mir einfach egal ist? Beginne ich jetzt, in der Beziehung eine tragende Rolle zu spielen, und benimmt er sich deswegen so? Weil ich jetzt Respekt einfordere? (Und zwar, nicht nur verbal sondern mit meiner Körpersprache.) Was will ich? Wo will ich in 5 Jahren sein? Soll ich ihn (und mir) einfach verzeihen, für alle unseren Dummheiten der vergangenen 23 Jahren – samt Wut, Enttäuschung, Beleidigung usw. – und neu beginnen? Einfach heute neu anfangen?
Danach kamen mir einige Gedanken: Ich muss nicht gleich Schluss machen, sondern kann auch sagen: “Im Moment liebe ich dich nicht. Ich will eine Auszeit.” Ohne zu wissen, was nachher sein wird. Das kleine Kind in mir sagt noch immer: “Aber ich will nicht! Ich mag nicht mehr!” Doch, als Erwachsene sage ich mir, dass ich noch etwas Geduld haben muss. Okay, in 5 Jahren will ich alleine Wohnen und selbständig sein, das gebe ich zu. Aber im Moment bin ich bemüht, weiter zu kommunizieren und die Situation für alle Beteiligten bestmöglich zu lösen. Und heute kann ich nicht wissen, was am Ende sein wird.
Heute betrachte ich das als Herausforderung, wie damals die Bulimie. Das war auch ein Symptom, das mein Leben beeinträchtigte und mich unglücklich machte. Heute spielt die Beziehung diese Rolle. Nur diesmal wird es etwas anders sein, denn ich rauche nicht, saufe nicht, und suche keine Zuflucht beim Essen. Momentan schlafe ich viel. Das könnte eine Flucht sein. Doch im Großen und Ganzen bin ich zunehmend bereit, mich dieser Aufgabe zu stellen. Die Aufgabe lautet: Bringe dein Leben in Ordnung!