Nein, das ist kein Witz. Es gibt wirklich Segen, wenn man genau hinschaut. Erstens, ganz zu Beginn, die Symptome der Bulimie sind wunderbare Warnsignale. Etwas ist überhaupt nicht in Ordnung und wir versuchen, die Situation zu bewältigen. Wir geben unser Bestes, aber können es nicht alleine schaffen. Manche haben das Glück, dass ihr Hilferuf frühzeitig gehört wird.
Oft werden die Signale übersehen. Wie in meiner Familie, in der die Eltern mitten im Rosenkrieg waren, hatte keiner die Zeit oder Energie sich damit zu befassen. Außerdem versteckte ich sie gut, denn ich sollte ja perfekt sein. Allmählich wurden die Auswirkungen unübersehbar, aber da war die Krankheit schon sehr fortgeschritten. Ich hätte viel Hilfe gebraucht.
Jenseits dieses Warnsignals, funktioniert die Bulimie als ein Stress-Bewältigungsmechanismus. Mein Leben war schrecklich und alles außer Kontrolle geraten. Ich fühlte mich verloren und hilflos, aber diese Beschäftigung mit dem Essen und dem Gewicht gab mir das Gefühl, doch über etwas bestimmen zu können. Versteh mich bitte nicht falsch! Ich bin nicht der Meinung, dass das an sich gut ist, aber es war damals alles, was ich tun konnte.
Mit der Zeit wurde die Bulimie zur Sucht. Daran finde ich keinen Segen. Ich weiß nicht, wonach ich süchtiger war – das Fressen oder das Kotzen. Es gab viel Wut und Angst, wovon ich mich befreien wollte, und das Herauskotzen verschaffte schon etwas Erleichterung.
Oh! Es gab doch noch Segen! Als ich am Tiefpunkt war, begann ich, mit anderen darüber zu sprechen. Sie hörten mir zu, und jemand erzählte mir von den Anonymen Überesser. Ich ging zu einigen Treffen, begann auch mit einer Gruppentherapie, und traf andere Betroffenen – darunter meine beste Freundin, die mir bis heute geblieben ist. Bald fühlte ich mich nicht mehr so allein. Na ja, zumindest nicht immer!
Die größten Segen kamen während dem Genesungsprozess. Ich lernte, normal zu essen und meinen Körper zu akzeptieren, denn es ging ja um Leben und Tod. Wer weißt? Sonst wäre ich vielleicht heute noch im Diätwahnsinn und dem Jojo-Effekt gefangen und ewig mit meinem Körper unzufrieden, oder ganz einfach tot. So viel zur kosmetischen Seite. Moment mal! Das stimmt gar nicht! Den Körper anzunehmen, beinhaltet viel mehr als das reine Aussehen. Mein Körper ist mein Partner geworden – er trägt mich von einem Abenteuer zum nächsten. Die regelmäßigen Mahlzeiten schenken mir die notwendige Kraft, weiter zu machen. Das ist eher von kosmischer als kosmetischer Bedeutung!
Während der Therapie wurde mir klar, dass mir Hilfe zusteht. Ich muss nicht selber auf alles darauf kommen. Ich darf auch dann Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ich keine Symptome mehr habe. Eigentlich, erst als ich so weit war, ging die eigentliche emotionale Arbeit erst richtig los!
Der Prozess des Gesundwerdens lehrte mich: Ein Schritt nach dem anderen. Diese Weisheit verwende ich täglich. Ich lernte, geduldig zu sein und Projekte in kleineren Komponenten einzuteilen. Dadurch bin ich nicht mehr so leicht überfordert und komme nicht in Versuchung, gleich aufzugeben, wenn mir etwas zu schwierig erscheint.
Während den ersten gesunden Jahren, kam es hin und wieder vor, dass ich rückfällig wurde. Das war – wie zu Beginn – ein Warnsignal. Aufwachen! Etwas braucht meine Aufmerksamkeit! Zu diesem Zeitpunkt war ich imstande, selber etwas zu unternehmen. Manchmal war es recht einfach – ich brauchte nur etwas mehr Schlaf, Erholung oder Spaß. Ich musste besser auf mich schauen.
Die kleinen Ausrutscher hatten einen zusätzlichen Segen: Ich begriff den Satz: Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt zurück. Sie zeigten mir, dass ich nicht perfekt sein muss. Meine Gesundheit musste auch nicht perfekt sein. Ich durfte hinfallen und aufstehen so oft es nötig war. Nur weil ich stolperte, hieß es noch lange nicht, dass ich versagt hatte. Ich ging einfach weiter.
Durch die Akzeptanz des Essens als ein Langzeitprojekt, lernte ich, auszuharren, dabei zu bleiben. Ich begriff, dass es keine schnelle Lösung gibt. So kann ich an den mühsamen Tagen mich einfach weiter schleppen. Ich habe Vertrauen, dass es wird. Ich lernte, zu sitzen und zu warten, denn das ist auch manchmal erforderlich.
Dreizehn Jahre des hinausverzögerten Selbstmords, wobei ich eigentlich nicht wirklich sterben wollte, hatten ihren Preis. Dennoch, durch diese unerwarteten Segen, war die ganze Zeit doch nicht verloren.