Wenn mir jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass ich heute über Bulimie bloggen würde, dann hätte ich geantwortet, dass sie wohl verrückt sind. Nicht nur, weil es damals noch keine Blogs gab. Nach meiner Genesung, wollte ich nichts mehr mit Bulimie und Magersucht zu tun haben.
Na ja, das stimmt nicht ganz. Während der ersten paar Jahren, habe ich die Krankheit als Eisbrecher verwendet. Egal wo ich war, ich musste nur etwas über Essstörungen sagen, und schon war ein Gespräch im Gange mit jemandem, der selbst ein Problem hatte oder eine Betroffene kannte. So war für nette Unterhaltung gesorgt und ich musste mich nie davor fürchten, wie ein Mauerblümchen herum zu stehen.
Es hatte eine weitere Funktion. Dieses Immer-wieder-erzählen war eine Methode, meine Erlebnisse zu verdauen. Das brauchte ich, genauso wie ich Rückmeldungen und Lob brauchte. “Das hast du super hingekriegt! Das ist eine bewundernswerte Leistung!” Während dieser Zeit träumte ich öfter von Rückfällen. Als ich aufwachte, war die Erleichterung immer groß.
Allmählich spürte ich ein Bedürfnis, meine Geschichte loszulassen. Ich wollte ohne sie leben, zu sehen, ob ich auch ohne Bulimiegeschichte eine interessante Person sein konnte. Ich hatte gerade ein Studium begonnen und war damit so beschäftigt, dass mir kaum Zeit blieb, über die Bulimie nachzudenken. Das passte mir gut.
Mit den Jahren vergrößerte sich der Abstand zu der Vergangenheit. Doch wusste ich, dass ich eines Tages meine Geschichte in Buchform mitteilen wollte. Das hatte ich schon immer vorgehabt. Das Studium ging voran, ich bekam ein Baby, noch eines, und es verstrichen wieder einige Jahre. Ich studierte immer langsamer, da ich mit den Kindern sehr beschäftigt war. Die Kinder wurden größer, ich schrieb eine Diplomarbeit und schaffte die Diplomprüfung. Siehe da! Ich war fertig!
Am Tag nach der Diplomprüfung begann ich mit der Arbeit, ein Buch aus meinen unzähligen Tagebüchern zusammenzustellen. Ich ahnte nicht, worauf ich mich einließ. Es war sehr viel Arbeit, dauerte einige Jahre, und während des Arbeitsprozesses kam die ganze Geschichte noch einmal hoch. Es ist noch immer nicht fertig, aber es dauert nicht mehr allzu lange – hoffe ich, zumindest! Inzwischen hatte ich vom Bloggen erfahren und dachte mir: Die Geschichte wird im Buch stehen, und weitere Gedanken dazu kann ich gut im Blog unterbringen. Im Blog soll es mehr um das Leben danach handeln.
Vor Kurzem wurde mir klar, dass ich Bulimie als Teil meines Lebens nicht leugnen kann. Sie gehört zu mir, und ist auch ein Geschenk. Durch sie bekam ich viele Einsichten, die jetzt fast selbstverständlich sind. Ich bin gesund, aber lerne noch immer dazu. Ich weiß auch noch lange nicht alles! Dennoch habe ich viele wertvolle Erfahrungen gemacht, und denke mir, andere könnten vielleicht davon profitieren bzw. inspiriert werden, ihren eigenen Weg zur Gesundheit zu entdecken. Das ist der Grund, warum es hier nicht nur um die Krankheit geht, sondern um das Leben danach. Ich werde mich bemühen, von beiden Seiten zu berichten – was einmal war, und was jetzt ist!